Die Nordmänner im Osten Europas 750 – 1100

Vom Norden in den Osten und die Gründung der Rus’

Die wikingerzeitliche Mobilität richtete sich zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert in hohem Maß nach Osten. Skandinavische Kriegerkaufleute reisten über die Flusssysteme Osteuropas bis ans Schwarze Meer. Unterwegs errichteten sie Handelsplätze wie Staraja Ladoga oder Gnezdovo und tauschten dort Waren aus. Eine Fülle archäologischer Funde dokumentiert den skandinavischen Einfluss auf die Region. Gleichzeitig belegen sie die Reichweite der Handelsbeziehungen. Neben das Reisen trat schon früh eine Siedlungstätigkeit. Außerdem wurden Verbindungen mit der ansässigen Bevölkerung geknüpft. Im Zusammenspiel zwischen skandinavischen Einwanderern und der lokalen Bevölkerung entwickelte sich die Rus’. Dieser Begriff wird sowohl für ein Territorium als auch zur Bezeichnung einer Bevölkerungsgruppe verwendet. Im 9. Jahrhundert kam es dann zu einer Reichsbildung um Nowgorod und Kiew, an der Skandinavier zusammen mit ostslawischen, baltischen und finnougrischen Gruppen beteiligt waren. Eine erste Blütezeit erlebte die Rus’ unter Wladimir I. „dem Großen“ (gest. 1015), der die Christianisierung des Reiches vollzog und dynastische Verbindungen mit Byzanz knüpfte.

Runenstein von Pilgårds

Gotland, Pilgårds, 10. Jh.
Quarzit
Visby, Gotlands Museum, Inv. G 280

Der Runenstein von Pilgards trägt eine Runeninschrift, die von einer Reise von fünf Brüdern berichtet. Ihr Weg führte auf Wasserwegen durch Osteuropa. Mindestens einer der Brüder kam dabei in einer Stromschnelle des Dnjeprs ums Leben. Zu seinem Gedenken wurden verschiedene Steine errichtet, darunter dieser Runenstein auf Gotland.


Übersetzte Runeninschrift:


„Dieser hellbemalte Stein wurde von Hegbjarn und seinen Brüdern Rodvisl, Austain und Emund gesetzt. Sie haben Steine zur Erinnerung an Rafn südlich von Rufstain aufgestellt. Sie drangen weit nach Aifor [Name einer Stromschnelle] ein. Vifil hatte das Kommando.“

Film: Entdecken Sie die Welt der Nordmänner!

Produktion: Hacienda Film in Kooperation
mit dem Viking Ship Museum Oslo
Länge: 03:45 min

Skandinavien war durch eine hoch entwickelte Schifffahrt, große Mobilität und weitreichende Handelsbeziehungen in ein engmaschiges Kontaktnetz eingebunden. Der gezeigte Film gibt einen Einblick in verschiedene Aspekte der wikingerzeitlichen skandinavischen Welt und beleuchtet deren Lebenswelt: darunter Schifffahrt, Navigation, Handel, Sklaverei und Kampf.

Fass uns an!

Alltagsgegenstände bestanden im Mittelalter aus verschiedenen Materialien. Verwendet wurden beispielsweise Holz, Knochen, Horn, Geweih, Ton, Fell, Stoff und geschmiedete Metalle. Einige Gegenstände können Sie hier genauer betrachten und erfühlen

Alltagsleben in der Rus’

Viele Objekte, die wir heute kennen, gibt es schon sehr lange. Ihr Aufbau ist so perfekt, dass er sich über die Jahrhunderte kaum verändert hat. Können Sie archäologische Objekte aus dem 8.–10. Jh. erkennen und ihrer Funktion zuordnen? Versuchen Sie, das moderne Pendant zu finden. Drehen Sie hierzu das innere Rad und finden Sie die passenden Paare. Sie werden feststellen, dass die Nutzung und das Aussehen vieler Gegenstände auch nach 1000 Jahren nahezu gleich geblieben sind.

Archäologie

In Osteuropa ist das Wirken der Skandinavier anders als im westlichen Europa vor allem durch ihre ausgeprägten Handels- und Siedlungsaktivitäten ab dem 8. Jahrhundert fassbar. Um die Aktivitäten und die Lebenswelt der Skandinavier im Bereich der Kiewer Rus’ zu verstehen, sind die Erkenntnisse der Archäologie von zentraler Bedeutung. Beigaben aus Gräbern, Funde aus alten Siedlungsresten und Hortfunde spielen dabei eine große Rolle. Sie zeigen den hohen Grad der Vernetzung und die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in der Rus’. Durch die Funde erfahren wir außerdem viel über Moden, Techniken, Waren und die Lebensumstände.

Die Siedlungen der frühen Rus’

  • • Wichtigste Zentren der Rus’: Ladoga, Gorodischtsche, Nowgorod, Gnezdowo und Kiew
  • • häufig an Flüssen und Seen sowie entlang der Handelsrouten
  • • Überreste von Siedlungsstrukturen und Funde zeigen: Skandinavier betrieben nicht nur Handel, sondern siedelten sich auch an und produzierten Güter (waren maßgeblich an Siedlungsgründungen beteiligt)

Der Schatz von Gnezdowo

  • • 120 Einzelteile
  • • Silber, zum Teil vergoldet
  • • Stücke slawischer, skandinavischer und orientalischer Herkunft

Mögliche Gründe für Deponierungen:

  • • zum Schutz vor Krisen, z. B. Krieg
  • • Versteck
  • • Lagerung von Handelsgütern
  • • Gaben an die Götter

Gräber

In der Kiewer Rus’ waren Hügelgräber verbreitet, die es auch in Skandinavien gab. In Gnezdowo wurden z. B. mehrere Tausend Grabhügel angelegt. Grabbeigaben mit skandinavischen Einfluss wurden gefunden.

Wusstest Du schon?

Bernstein war ein äußerst wichtiges und begehrtes Handelsgut im Ostseeraum. Findest Du die kleine Bernsteinkatze, die sich auf dieser Wand versteckt?

Hinweis

Die Objektbeigaben und Gräber wurden für den Zweck dieser Darstellung zusammengestellt und repräsentieren keine tatsächlich existierenden Gräber.