„Ich habe nie vollkommenere Körper als ihre gesehen. Sie sind wie Palmbäume. Ihre Haare sind blond und rötlich. (…) Jeder von ihnen trägt eine Axt, ein Schwert und ein Messer mit sich und trennt sich niemals von diesen Waffen. (…) Von ihren Zehenspitzen bis zu ihren Hälsen hat jeder Mann Verzierungen in dunkelgrüner Tinte tätowiert. (…) Ihre Frauen tragen alle an der Brust kreisförmige Broschen aus Eisen, Silber, Kupfer oder Gold, je nach dem Vermögen und der sozialen Position ihrer Ehemänner. […] Um ihren Hals tragen sie goldene und silberne Halsreifen.“
Es sind vor allem archäologische Funde, die heute über die Aktivitäten von Skandinaviern im Osten Auskunft geben. Grabfunde dokumentieren weiträumige Kulturkontakte und einen Austausch, der nicht nur die Reisenden, sondern auch die sesshafte Bevölkerung betraf. Skandinavisches Kunsthandwerk und Mode waren in den Handelszentren des Ostens hochgeschätzt. Gleichzeitig zeigen die archäologischen Funde auch andere kulturellen Einflüsse: Heidnische Traditionen waren ebenso präsent wie Judentum, Christentum und der Islam. Im „Reich der Burgen“ (Gardarike), wie die Region in Skandinavien genannt wurde, kam es um die zentralen Orte zu einer Reichsbildung. Dabei spielten byzantinische Einflüsse eine bedeutende Rolle. Unter den Rurikiden entwickelte sich die multiethnisch geprägte Herrschaft der Rus’.
In Osteuropa ist das Wirken der Skandinavier anders als im westlichen Europa vor allem durch ihre ausgeprägten Handels- und Siedlungsaktivitäten ab dem 8. Jahrhundert fassbar. Um die Aktivitäten und die Lebenswelt der Skandinavier im Bereich der Kiewer Rus’ zu verstehen, sind die Erkenntnisse der Archäologie von zentraler Bedeutung. Beigaben aus Gräbern, Funde aus alten Siedlungsresten und Hortfunde spielen dabei eine große Rolle. Sie zeigen den hohen Grad der Vernetzung und die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in der Rus’. Durch die Funde erfahren wir außerdem viel über Moden, Techniken, Waren und die Lebensumstände.
Die Siedlungen der frühen Rus’
Der Schatz von Gnezdowo
Mögliche Gründe für Deponierungen:
Gräber
In der Kiewer Rus’ waren Hügelgräber verbreitet, die es auch in Skandinavien gab. In Gnezdowo wurden z. B. mehrere Tausend Grabhügel angelegt. Grabbeigaben mit skandinavischen Einfluss wurden gefunden.
Wusstest Du schon?
Bernstein war ein äußerst wichtiges und begehrtes Handelsgut im Ostseeraum. Findest Du die kleine Bernsteinkatze, die sich auf dieser Wand versteckt?
Hinweis
Die Objektbeigaben und Gräber wurden für den Zweck dieser Darstellung zusammengestellt und repräsentieren keine tatsächlich existierenden Gräber.
Tjulenino, 10.–11. Jh.
Eisen
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für
Vor- und Frühgeschichte, Inv. PM Pr 7437
Aus der Wikingerzeit sind Äxte vor allem als Waffen bekannt. Sie wurden jedoch auch als Werkzeuge verwendet, um z. B. Holz zu hacken und zu bearbeiten. Diese Axt kann aufgrund ihrer Form als Kampfaxt identifiziert werden und wurde im Grab einer vermögenden Person gefunden.
Sigtuna, 11. Jh.
Kupferlegierung
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 13883
Axtköpfe dieser Größe dienten als Amulette und treten besonders als Grabfunde im Gebiet der gesamten Kiewer Rus’ auf. Sie symbolisieren vermutlich ein Kriegerideal. Auch in Sigtuna wurden Objekte dieser Art in großer Zahl gefunden.
Region Kaliningrad, 800–1100
Eisen
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für
Vor- und Frühgeschichte, Inv. PM Pr 7430
Waffen erfuhren hauptsächlich in einem rituellen Kontext eine Deformierung oder Zerstörung: z. B. beim Begräbnis eines Verstorbenen oder nach dem Sieg über einen Feind. Diese Sitte ist vor allem aus dem skandinavischen Raum bekannt. Sie verbreitete sich in der Wikingerzeit aber auch im Westbaltikum. Das hier gezeigte gerollte Schwert ist skandinavischen Ursprungs und besitzt einen verzierten Knauf.
Produktion: eichfelder artworks
Länge Teil 1: 05:39 min
Länge Teil 2: 04:56 min
Lauschen Sie dem Reisebericht von Ibn Fadlãn, einem Abgesandten des Kalifen von Bagdad, der eine weite Reise in das Gebiet der Wolgabulgaren unternahm. Er traf dabei die Menschen aus der Rus’ und beschrieb diese eindrucksvoll.
Achtung:
Der Text enthält Beschreibungen sexualisierter Gewalt (Teil 2).