Die Entstehung und der Aufstieg der Rus’

„Die Rus’ sind die, welche wir mit anderem Namen Normannen nennen“

Liutprand von Cremona (gest. 972), Historiker, Diplomat und Bischof

„Und was die Rus‘ betrifft, so bewohnen sie eine Insel im Meer […]. Und auf ihr sind Wälder und Dickichte, und um sie herum ist ein See. Und sie sind viele an der Zahl, und sie sehen (das Mittel für) den Lebensunterhalt und den Erwerb im Schwert. Und wenn ein Mann von ihnen stirbt, der Töchter und Söhne hat, dann händigen sie seinen Besitz an die Töchter aus und sondern für die Söhne (nur) das Schwert aus, denn sie sagen: Siehe, euer Vater pflegte den Besitz mit dem Schwert zu erwerben, darum eifert ihm nach und folgt ihm darin.“

Al-Marwazī (gest. ca. 1120), Gelehrter und Arzt aus Merw (heute Turkmenistan)

Im 10. Jahrhundert entwickelte sich Kiew zu einem Zentrum der Rus’, welche den Fernhandel entlang der großen Wasserwege Osteuropas kontrollierten. Die Machtkonsolidierung und das Ausgreifen der Rus’ führten zu Konflikten mit den umliegenden Mächten und mit Byzanz. Militärische Konflikte wechselten mit Abkommen. Unter Olga von Kiew (gest. 969) wurden die Weichen für die Christianisierung gestellt. Die Fürstin, die nach der Ermordung ihres Mannes (945) die Rus’ regierte, empfing in Byzanz die Taufe, lud aber auch lateinische Missionare nach Osten ein. Ihr Sohn lehnte das Christentum noch ab, doch sollte ihr Enkel Wladimir „der Große“ (gest. 1015) das Christentum als „Staatsreligion“ einführen und den Einfluss der Rus’ sowie die internationale Strahlkraft des Fürstentums steigern.

B 3.1

Kiewer Brief

Kiew, Ende 9./Anfang 10. Jh. o. 930
Pergament
Cambridge, The Syndics of Cambridge University
Library, Inv. T-S 12.122

Kiew entwickelte sich im 10. Jh. zu einem der wichtigsten Zentren der Rus’. Mit dem ausgestellten Brief richtet sich die jüdische Gemeinde in Kiew an die jüdische Gemeinde in Kairo. Es handelt sich um eine Art Empfehlungsschreiben für ein hochverschuldetes Gemeindemitglied, das Geld sammeln sollte. Verschiedene in diesem Brief genannte Namen und verwendete Sprachen zeigen, dass Kiew um 1000 eine multiethnische Stadt war.

B 3.2

Hypathios-Chronik

Nordwesten der Kiewer Rus’, um 1420
Papier, Einband: Holz und Leder
St. Petersburg, Bibliothek der Akademie der
Wissenschaften, Hs 16.4.4, 307, fol. 8v/9r

Die Hypathios-Chronik gehört zu den ältesten Überlieferungen der altrussischen Geschichte und beschreibt die Entstehung und Entwicklung der Rus’. Sie umfasst Abschriften verschiedener anderer Manuskripte, darunter der berühmten sog. Nestorchronik aus dem 12. Jh. („Erzählung der vergangenen Jahre“), die z. B. über die legendenhaften Anfänge der Rus’ unter der Führung von Rjurik berichtet.

B 3.3

Die Radziwiłł-Chronik

Großfürstentum Litauen, spätes 15. Jh.
Papier
St. Petersburg, Bibliothek der Akademie
der Wissenschaften, ms OC 34.5.30, fol. 62v

Die Radziwiłł-Chronik erzählt auf einzigartige Weise und mithilfe zahlreicher farbiger Miniaturen die Geschichte der Rus’. Der Text ist eine Kopie der sog. Nestorchronik. In ihren über 600 Miniaturen stellt sie die legendenhaften Anfänge, aber auch historisch nachweisbare Prozesse wie die Christianisierung der Rus’ dar. Die unschätzbare Handschrift gehört zu den ganz wenigen illustrierten frühen Geschichtswerken Osteuropas.

B 3.4.1

(1) Münze mit Darstellung Jaroslaws „des Weisen“

Nowgorod, 1019–1054
Silber
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett,
Nr. 18216120

Insgesamt existieren heute nur noch fünf Exemplare dieser Münzen. Sie tragen den Namen des Großfürsten von Kiew, Jaroslaw. Die Münze wurde um 1015 in Nowgorod geprägt. Die Vorderseite zeigt den Heiligen Georg in byzantinischem Stil, die Rückseite ein Symbol, das eine Taube, einen Dreizack (Symbol der Kiewer Rus’) oder einen stilisierten Falken darstellen könnte.

B 3.4.2

(2) Scherbe einer Amphore mit einem Dreizacksymbol

Sigtuna, 11. Jh.
Keramik
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 98431

Auf dieser Scherbe ist ein einfaches Dreizacksymbol eingeritzt. Es handelt sich um das Symbol der Herrscherdynastie von Kiew. Es wird vermutet, dass der Dreizack sich aus der Stilisierung eines Raubvogels entwickelt hat und zum Zeichen der Rurikiden wurde. Die Scherbe gehörte ursprünglich zu einer Amphore aus dem mediterranen Raum. In dieser wurde vielleicht Wein transportiert. Wahrscheinlich brachte sie ein Händler über Osteuropa bis nach Sigtuna in Schweden.