Die Normannen als Reisende und Händler

Skandinavien war im Mittelalter von hoher Mobilität geprägt. Die wikingerzeitlichen Skandinavier verfügten über hoch entwickelte Kenntnisse der Navigation und bauten Schiffe, die lange Reisen ermöglichten. Ihr Aktionsradius erweiterte sich seit dem 8. Jahrhundert beachtlich; Anfang des 11. Jahrhunderts erreichten Skandinavier sogar die nordamerikanische Küste. Ein zentrales ökonomisches Standbein der Wikingerzeit war der Fernhandel. Skandinavische Händler legten weite Strecken zurück, errichteten Handelsplätze und brachten fremde Waren in den Norden Europas. Über Osteuropa reisten sie bis nach Byzanz und trieben Handel mit den muslimischen Reichen sowie bis weit nach Asien hinein.

A 2.1.1

(1) Glasierte Keramikfragmente

Sigtuna, 1050–1075
Glasierte Keramik
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 9198

Die auch „Frittenware“ genannte glasierte Keramik stammt aus dem Nahen Osten und wurde nach Skandinavien importiert. Selbst kleine Keramikfragmente wie dieses bezeugen die weitreichenden Handelsund Wirtschaftsbeziehungen im Mittelalter.

A 2.1.2

(2) Auripigment

Kurdistan, Anatolien o. Makedonien, 11. Jh.
Mineral
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 7165

Auripigment ist ein toxisches Arsenmaterial, das als teures Farbpigment bereits von den Alten Ägyptern benutzt wurde. Es wurde bei der Herstellung byzantinischer Handschriften verwendet, aber auch an norwegischen Kirchenskulpturen nachgewiesen.

A 2.1.3

(3) Orientalische Gürtel- und Handtaschenbeschläge

Sigtuna, ca. 1125–1175
Kupfer
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 4626

In Osteuropa kamen die Nordmänner mit nomadischen Turkstämmen nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres in Kontakt. Der Austausch und Einfluss dieser Kontakte zeigt sich in Trachtbestandteilen und Waffen. Diese wurden übernommen oder imitiert, sogar in später späterer Zeit.

A 2.1.4

(4) Schloss in Form eines Pferdes

Byzanz, ca. 12. Jh.
Kupfer
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 149757

Dieses Pferd war kein Spielzeug, sondern diente als Schloss mit einem noch heute für Vorhängeschlösser üblichen Verschlussmechanismus. Die Pferdeform ist byzantinischen Ursprungs. Tierfigürliche Schlösser waren jedoch auch im Nahen Osten verbreitet.

A 2.1.5

(5) Fingerringe

Nowgorod, ca. 1020–1050
Zinn, Glas
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 17645

Die Ringe stammen aus einem Hort von insgesamt 51 ähnlichen Ringen. Er wurde unter einem Haus vergraben. Durch die Glaseinlage vermitteln die Ringe einen edlen Eindruck, waren aber vergleichsweise günstig herzustelllen.

A 2.1.6-8

Glasobjekte aus Byzanz: (6) Fragment eines Glasarmrings, (7) Glasperlen, (8) Glasfragment

Byzanz, ca. 1075–1100 (6);
spätes 10./Anfang 11. Jh. (7); spätes 12. Jh. (8)
Glas (6–7), bemaltes Glas (8)
Sigtuna, Sigtuna Museum & Art, Inv. 17024 (6);
Inv. 28678 (7); Inv. 22700 (8)

Glasarmringe (6) spielten eine wichtige Rolle in der materiellen Kultur des Ostmediterraneums und wurden auch in Osteuropa und im Gebiet der Kiewer Rus’ häufig gefunden. Das hier gezeigte Exemplar ist z. T. mit silberfarbenen Ranken verziert. Das dunkelblaue Glas der byzantinischen Perlen (7) wurde mit aus Silberfolie gefertigten rhombischen Verzierungen versehen und mit einer dünnen Schicht hellgelben Glases überzogen, die ihnen ein goldenes Aussehen verleihen. Das mit einem Vogelmotiv versehene Glasfragment (8) gehörte vermutlich ursprünglich zu einem Becher oder einer Schüssel und ist ebenfalls byzantinischen Ursprungs. Sigtuna ist eine wichtige Fundstätte für Glasfunde aus dem Osten und die Funde bezeugen einen regen Austausch.

A 2.1.9

(9) Anhänger aus einem silbernen Miliaresion

Skandinavien, spätes 10. Jh.
Silber
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH2003-205.348

Aus einer byzantinischen Silbermünze wurde dieser Anhänger gefertigt. Byzantinisches Geld gelangte vermutlich durch die Christianisierung der Kiewer Rus’ und durch die skandinavischen Söldner im byzantinischen Heer in den skandinavischen Raum. Münzen, ob arabische oder byzantinische, wurden häufig in Schmuckstücke umgearbeitet.

A 2.2.1

(1) Wetzstein mit Runeninschrift, sog. Timans-Stein

Gotland, 2. H. 11. Jh.
Sandstein
Visby, Gotlands Museum, Inv. GFC 9181

Der Wetzstein wurde zum Schärfen von Nadeln verwendet, worauf die Vertiefung auf der Rückseite des Steins hinweist. Die Runeninschrift auf der anderen Seite liest sich als eine Aufzählung: Genannt werden zwei männliche Namen, „Ormika” und „Ulfhvatr”, sowie die Orte Griechenland, Jerusalem, Island und Serkland. Letzteres war eine skandinavische Bezeichnung für die muslimischen Reiche. Möglicherweise handelt es sich hier um einen reduzierten Reisebericht oder der Verfasser der Inschrift nannte das ihm bekannte Ausmaß der ihm (oder ihr) bekannten Welt.

A 2.2.2

(2) Sklavenfessel

Wiesing, Lkr. Cham, 9./10. Jh.
Eisen
Regensburg, Museen der Stadt Regensburg –
Historisches Museum, Inv. 2009/102

A 2.2.3

(3) Klappwaage

Sandby, Öland, 10.–11. Jh.
Kupferlegierung
Stockholm, National Historical Museums,
Swedish History Museum, Inv. 1835:563 6819

Die beiden Objekte repräsentieren den Handel der Wikingerzeit. Neben dem Austausch von Waren wie Pelzen, Bernstein oder Honig, wurden auch Menschen entführt, versklavt und verkauft. Darauf verweist die Sklavenfessel (2). „Menschliche Ware“ gehörte zum wichtigsten und lukrativsten Handelsgut wikingerzeitlicher Skandinavier. Mit der zusammenklappbaren Waage (3) konnten hingegen Münzen und das sog. „Hacksilber“ gewogen werden, d. h. „zerhackte“ Silberobjekte, die als Zahlungsmittel dienten.