Roger Tosny und die ersten Normannen im Dienst der „Reconquista“

„Die Normannen unter ihrem Anführer Roger waren ausgezogen um die Heiden in Spanien zu töten, vernichteten eine große Zahl von Sarazenen und eroberten ihre Städte und Festungen.“

Adémar von Chabannes (gest. 1034), Mönch und Geschichtsschreiber über Roger von Tosny

„Mächtige Normannen gingen nach Spanien um die militärische Macht der Sarazenen zu brechen und das Land den Christen zu unterwerfen. (…) Dann wurde die Stadt Barbastro erobert, die mit Ländereien und großem Reichtum ausgestattet war.“

Amatus von Montecassino (11. Jh.), Geschichtsschreiber aus Süditalien über die Normannen auf der Iberischen Halbinsel

Mit dem Zerfall des Kalifats von Cordoba (1031) und der Entstehung der sog. Taifa- Reiche veränderte sich die machtpolitische Lage auf der Iberischen Halbinsel stark. Von der inneren Schwäche und Konflikten zwischen den Taifa-Reichen profitierten die christlichen Reiche im Norden. Für ihre Kriegszüge waren sie aber auf Unterstützung fremder Kräfte angewiesen und warben nördlich der Pyrenäen um Unterstützung. Aus Nordfrankreich kam Anfang des 11. Jahrhunderts Roger Tosny (gest. 1040), der die Normandie als Exilierter hatte verlassen müssen. Während sein Vater nach Italien ging, unterstützte Roger die Gräfin von Barcelona, Ermessenda (gest. 1058). Von den westfränkischen Chronisten erhielt er daraufhin die Beinamen „von Spanien“ sowie „Maurenfresser“. 1064 waren an der Eroberung von Barbastro ebenfalls zahlreiche Normannen beteiligt.

Hörstation: Ibn Hayyan und die Eroberung von Barbastro

Produktion: eichfelder artworks
Länge: 04:83 min

Der arabische Historiker Ibn Hayyan gibt wichtige Einblicke in die Geschichte Spaniens im 11. Jh., darunter auch in die sog. „Reconquista“ und ihren Folgen für die muslimische Bevölkerung. Anhand einer Anekdote im Kontext der Eroberung Barbastros (1064) lassen sich besonders anschaulich die kulturellen Verflechtungen der Region nachvollziehen. Wer weiß, vielleicht war der Graf, von dem im Folgenden die Rede ist, sogar ein Normanne…

E 2.1

Die Chronik Adémars von Chabannes

Frankreich, Mitte 12. Jh.
Pergament
Paris, Bibliothèque national de France,
ms. latin 5926, fol. 134r

Der französische Mönch Adémar von Chabannes beschreibt in seiner Chronik (Erzählzeitraum bis 1028) anschaulich die Kämpfe von Normannen auf der Iberischen Halbinsel. Besonders eindrücklich ist seine Schilderung Roger Tosnys (gest. 1040), den er als grausam und gerissen darstellt. Dies war eine häufige Charakterisierung normannischer Krieger. Roger habe vorgegeben, täglich einen gefangenen Muslim zu kochen und zu verzehren. Dadurch verbreitete er unter seinen Gegnern großen Schrecken.

E 2.2.1

(1) Siegel der Gräfin Ermessenda von Barcelona

„ERMESI(N)DIS“, darunter in
kufischer Schrift „rmsnd“
Katalanische Grafschaften, 1. H. 11. Jh.
Blauer Chalzedon
Girona, Museu Tresor de la Catedral, Inv. TCG 26

E 2.2.2

(2) Siegel mit kufischer Inschrift

Naher Osten (?), nach 1100
Karneol
Girona, Museu Tresor de la Catedral, Inv. TCG 25

Beide Siegel waren Teil des Antependiums (Altarbehang) der Kathedrale von Girona. Der blaue Chalzedon (1) war einst das persönliche Siegel der Gräfin Ermessenda von Barcelona. Lange Jahre regierte sie im Namen ihres minderjährigen Sohnes und später ihres Enkels. Der Siegelstempel trägt ihren Namen auf Latein und Arabisch, was auf die christlich-muslimische Grenzregion verweist, die sie beherrschte. Sie warb den Normannen Roger Tosny für militärische Unterstützung an. Das zweite Siegel (2) wurde lange ihrer Schwiegertochter, der Gräfin Guisla de Lluçà, zugeschrieben. Aufgrund der allgemein gehaltenen kufischen Inschrift wird dies heute aber bezweifelt.

E 2.2.3

(3) Schatz von Òdena: 10 Mancusos und 1 Dinar

Òdena, Katalonien, 11. Jh.
Gold
Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya,
Inv. MNAC 080047-CJT

Auf der Iberischen Halbinsel wurden sowohl christliche Silbermünzen als auch muslimische Goldmünzen benutzt. Als muslimische Dinare zur Mangelware wurden, gingen die christlichen Grafen von Barcelona dazu über, Imitate der muslimischen Dinare, sog. Mancusos, von jüdischen Münzern prägen zu lassen. Um 1069 gab der Graf Barcelonas sogar zweisprachige Goldmünzen in Auftrag. Diese Münzen sind Beispiel der gelebten Multikulturalität Spaniens. Wahrscheinlich wurden auch normannische Söldner mit ihnen bezahlt.

E 2.2.4

(4) Zwei Dinare Raimund Berengars II. und Berengar Raimunds II.

Grafschaft Barcelona, 1076–1082 (bzw. 1076–1096)
Avers: BARCINON
Kupfer-Silber Legierung
Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya,
Inv. MNAC 026997-N (1); Inv. MNAC 027004-N (2)

Raimund Berengar II. und Berengar Raimund II. waren Zwillinge und herrschten zeitweise gemeinsam über die Grafschaft Barcelona. Nach dem Verschwinden der muslimischen Goldmünzen läuteten sie durch Neuprägungen eine Phase der Währungsstabilität ein. Das abstrakte Münzbild zeigt keine Porträts und Herrschernamen, sondern trägt den Namen „Barcelona“ sowie eine heraldische Lilie und ein Tatzenkreuz. Ihre Nachfolger trugen durch die Fortführung dieses Typs zur Verbreitung dieser Währung bei.