Die Iberische Halbinsel war im Mittelalter geprägt von kulturellen Verflechtungen. Seit der Eroberung umfangreicher Gebiete durch die Muslime im 8. Jahrhundert koexistierten christliche und muslimische Reiche, in denen jeweils jüdische Gemeinden existierten. Es gab einen fruchtbaren kulturellen Austausch, aber auch Konflikte und ein Ringen um machtpolitische Dominanz. Das architektonische, künstlerische und wissenschaftliche Erbe dieser Epoche belegt den Reichtum und die Verflechtungen, welche die Region kennzeichnen.
Sevilla, 1226
Pergament
München, Bayerische Staatsbibliothek,
Cod. arab. 1, fol. 2r–3v
Dieser prachtvolle Koran ist mit Goldornamenten in geometrischem Geflecht verziert. Er steht für die kulturelle Blüte in al-Andalus, dem ab dem 8. Jh. muslimisch beherrschten Teil der Iberischen Halbinsel. Er zählt zu den wenigen Koranen, die überhaupt aus dieser multikulturellen Region mit reicher muslimischer Tradition überliefert sind. Als Sevilla 1248 vom christlichen König Ferdinand III. von Kastilien erobert wurde, flohen viele Muslime nach Nordafrika. Unter ihnen befand sich auch der Besitzer des in Sevilla gefertigten Korans. 1535 fiel der Koran dort in die Hände Kaiser Karls V. und kam schließlich in die Bayerische Staatsbibliothek nach München.
Keramikfragment mit hebräischer Inschrift (1),
drei Goldringe (2–4) und ein Silberring mit
arabischer Gravur (5)
Barcelona, 14. Jh. (1); Grabfund vom Friedhof
auf dem Montjuïc, 13.–14. Jh. (2–5)
Keramik (1); Gold (2); Gold, ziselliert, Niello (3);
Gold, ziselliert, Edelstein (4); Silber, ziselliert (5)
Barcelona, Museu d’Història de Barcelona,
Inv. MHCB31784 (1); Inv. MHCB00460 (2);
Inv. MHC00459 (3); Inv. MHCB00457 (4);
Inv. MHCB00458 (5)
Barcelona besaß im Mittelalter eine bedeutende jüdische Gemeinde. Diese Präsenz ist durch zahlreiche archäologische Zeugnisse jüdischen Lebens und in der städtischen Architektur belegt. Das Keramikfragment mit hebräischer Inschrift (1) repräsentiert den jüdischen Alltag. Die Beschriftung „Rind“ verweist auf die Zubereitung koscherer Speisen. Die gezeigten Ringe stammen dagegen aus einem Begräbniskontext. Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof auf dem Montjuïc („Berg der Juden“) gefunden. Die Grabbeigaben zeugen vom Wohlstand der Bestatteten. Der Silberring mit arabischer Inschrift („Glück“/„Gesundheit“) zeigt die Vermischung verschiedener Traditionen und Sprachen auf der Iberischen Halbinsel.
Toledo, 11. Jh.
Geschnitzter Marmor
Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya,
Inv. MNAC 024194-000
Das fein gearbeitete Marmorfragment ist Teil einer Gruppe von Reliefs, die wahrscheinlich aus dem Königspalast von Toledo stammten. Es ist Ausdruck
der kulturellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Blüte des Taifa-Reichs von Toledo. In den Taifas, den muslimischen Reichen nach dem Zerfall des Kalifats von Córdoba, herrschte große Dynamik: Künstler konnten auf ein reiches künstlerisches Erbe zurückgreifen und verbanden dieses mit neuen Ideen, Formen und Techniken aus dem Mittelmeerraum. Auf dem Stück zu sehen sind verschlungene Pflanzen sowie Vögel – möglicherweise Raubvögel –, die sich einander mit gedrehten Hälsen zuwenden.
Córdoba, 975–976
Holz, Seide, Silber Niello (vergoldet) und Gold
Girona, Museu Tresor de la Catedral, Inv. TCG 147
Dieses Kästchen ist vermutlich die beste erhaltene andalusische Goldschmiedearbeit. Es wurde vom Kalifen al-Hakam II. (gest. 976) als Geschenk für seinen Sohn Prinz Hisham in Auftrag gegeben. Später gelangte das kostbare Kästchen in den Kathedralschatz von Girona. Dort wurde es zur Aufbewahrung von Reliquien verwendet. Die muslimische Herkunft des Kästchens ist unverkennbar und spiegelt sich in der kufischen Inschrift: „(...) Der Segen Gottes (...) für den Diener Gottes al-Hakam, Fürst der Gläubigen. (...) [Er] befahl, dies für (...) Hisham zu fertigen, den Erben des Bundes der Muslime. (...)“
Saragossa, 1079/80
Messing, graviert
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum,
Inv. WI 353
Dieses antike Instrument, mit dessen Hilfe Sternpositionen, Himmelsrichtungen und Uhrzeiten bestimmt werden konnten, ist eines der wenigen erhaltenen iberoarabischen Astrolabien des 11. Jh. Die fünf Einlegescheiben mit unterschiedlichen Kreisen des horizontalen Koordinatensystems ermöglichten seine Verwendung in Nordafrika und Südeuropa. Das Stück ist ein Beispiel des Wissenstransfers von antiken griechischen zu arabischen Gelehrten, die das Instrument weiterentwickelten. Über die Iberische Halbinsel und Sizilien verbreitete sich dieses Wissen in Europa. Seit dem 14. Jahrhundert ist eine europäische Herstellungstradition nachweisbar.
Das Astrolabium hat eine spannende Objektgeschichte vorzuweisen: Eine arabische Gravur auf der Rückseite bezeugt den ursprünglichen Besitzer des Stücks, Ahmad Ibn Muhammad al-Naqqash. Später hinzugefügte lateinische Gravierungen, etwa Tierkreiszeichensymbole oder Monatsabkürzungen, sprechen für eine Verwendung des Astrolabiums außerhalb der arabischen Welt. Im Jahr 1890 wurde es angeblich auf einem Flohmarkt in Rom erworben, über diesen Weg gelangte es dann in die Bestände des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.