„Dieser Robert war von seiner Abstammung her Normanne aus unbedeutender Familie. […] Was seine körperlichen Eigenschaften betraf, so war er derart hochgewachsen, dass er auch die Größten überragte, sein Teint war rötlich, sein Haar blond, seine Schultern breit und seine Augen sprühten fast Funken. Und wo wir erwarten, dass die Natur Breite hervorbringt, war diese Breite vorhanden, wo sie die Breite hingegen verjüngen muss, war er richtig proportioniert.“
„Diese Frau [Sichelgaita] war eine furchteinflößende Erscheinung, wenn sie Waffen angelegt hatte. (…) Als sie aber in der Schlacht Roberts fliehende Truppen sah, (...) erhob sie laut ihre Stimme: »Bis wohin wollt ihr noch fliehen? Bleibt stehen, seid Männer!« Als sie aber weiter flohen, da legte sie eine lange Lanze an und stürmte in vollem Galopp auf die Fliehenden los. Diese kamen daraufhin zu sich und rafften sie sich erneut zum Kampf auf.“
Ein vierter Bruder aus dem Hause Hauteville war noch erfolgreicher: Robert Guiscard (gest. 1085). Nach bescheidenen Anfängen nahm er mit seinen Brüdern an der entscheidenden Schlacht bei Civitate (1054) teil. In dieser setzten sich die Normannen gegen eine Allianz ihrer Gegner durch. Nur wenige Jahre später heiratete Robert die bedeutende Fürstentochter Sichelgaita von Salerno (gest. 1090). 1059 wurde er vom Papst gegen ein Schutzversprechen als Herzog von Apulien und Kalabrien sowie Sizilien anerkannt. Sizilien befand sich aber noch unter muslimischer Herrschaft, musste also erst erobert werden. Zwischen 1061 bis 1091 gelang dies unter der Führung Rogers I. (gest. 1101), eines jüngeren Hauteville-Bruders. Robert starb 1085 während eines Feldzuges gegen Byzanz.
Nordwestfrankreich, Ende 12. Jh.
Pergament
Avranches, Bibliothèque patrimoniale d’Avranches,
Ms. 162, fol. 64r
In seinem nur in dieser einen Handschrift überlieferten Werk berichtet Wilhelm von Apulien über die Ankunft der Normannen in Süditalien und die wichtigsten Lebensstationen Robert Guiscards: Die Eroberungen in Kalabrien, die Investitur als Herzog von Apulien und Kalabrien anlässlich der Synode von Melfi sowie die Einnahm von Bari und Palermo. Er schließt mit dem Kriegszug gegen den byzantinischen Kaiser, auf dem Robert 1085 starb. Sein Beiname „Guiscard“, altfrz. für „listig“, „schlau“, wird hier vielleicht erstmals überliefert.
Produktion: Studio ARCHETIPO
von Dr. Arch. Konstantin Brandenburg
Dynastische Grablegen spielten für die Legitimation und als Herrschaftszeichen eine wichtige Rolle. Robert Guiscard setzte seiner Familie in Venosa ein solches Zeichen und machte die Kirche zur Familiengrablege. Zugleich sorgte er für den Ausbau des Abteikomplexes. Das Projekt wurde aber nie vollendet und vor Ort bleibt bis heute nur ein unvollendeter Bau: die sog. Incompiuta. Wie aber sollte dieser neue Bau aussehen? Im Video sehen Sie eine architektonische Hypothese, die anlässlich der Ausstellung auf Basis des aktuellen Forschungsstandes erstellt wurde.
Montecassino, 2. H. 11. Jh.
Pergament
Vatikanstadt, Biblioteca Apostolica Vaticana,
Vat. lat. 1202, fol. 2r
Faksimile
Robert Guiscard und seine Frau Sichelgaita waren eng mit dem Kloster von Montecassino und dessen Abt Desiderius verbunden. Sie unterstützten Montecassino durch Schenkungen und die Herzogin wurde dort bestattet. Die Szene zeigt Desiderius, wie er den Codex an den thronenden Hl. Benedikt übergibt. Zu Füßen des Abts sind weitere kostbare Bücher zu sehen und verweisen auf das Skriptorium der Abtei. Die Gebäude im Hintergrund erinnern an die Bautätigkeit des Abts, der auch als zweiter „Gründer“ gilt.
San Clemente a Casauria, 1170–1182
Pergament
Paris, Bibliothèque nationale de France, Latin 5411,
fol. 248r
Das Chronicon Casauriense zählt zu den wenigen Quellen der normannischen Eroberung in den Abruzzen (11./12. Jh.). Besonderes Merkmal sind die in braunschwarzer sowie roter Tinte ausgeführten Federzeichnungen, die Urkundenaussteller und -empfänger zeigen: Kaiser und Könige, Päpste, Äbte und Mönche. Die aufgeschlagene Seite zeigt König Roger II., der eine Schenkung macht, während Abt Oldrius in empfangender Geste dargestellt ist.
Fundort: Abtei von Montecassino
Herstellungsort: Palermo (?) (1);
Palermo/Messina (2), 11.–12. Jh.
Goldfolie, filigranes u. granuliertes Gold, Glassteine,
Granate (1); Tari, Goldlegierung (2)
Rom, Museo delle Civiltà, Inv. 15 (1); Rom, Museo
Nazionale Romano, Inv. 125918–125946 (2)
Die Fibel wurde 1898 zusammen mit 29 Goldmünzen in Montecassino gefunden. Sie gehört zu einer Kategorie großer Scheibenfibeln, die besonders im spätottonischen und salischen Deutschland bei hochrangigen geistlichen und weltlichen Männern und Frauen in Mode waren. Bei den Münzen handelt es sich um goldene Tari, die von der Zeit Rogers I. (gest. 1101) bis zu Wilhelm III. (gest. ca. 1198) in den Münzstätten von Palermo und Messina ausgegeben wurden.
Montecassino, 13. Jh.
Marmor, weißer Kalkstein, rote Glaspaste
Cassino, Abbazia di Montecassino – Museo
Gemeinsam mit ihrem Zwillingsstück – einem gespiegelten Stück – stammt die in der Mosaiktechnik opus sectile ausgeführte Platte aus der Basilika von Montecassino. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau der Abtei geborgen. Es ist anzunehmen, dass die Platten horizontal zu den Seiten des Altars angebracht waren, um das Grab des Heiligen Benedikts zu bewachen.
Schachfigur: König
Süditalien, 1. H. 12. Jh. (?)
Elfenbein
Florenz, Musei del Bargello, Inv. 60 C
Aller Wahrscheinlichkeit nach in Indien erfunden, verbreitete sich das Schachspiel im 6. und 7. Jh. zunächst im Nahen Osten und gelangte möglicherweise im Zuge orientalisch-arabischer Kultureinflüsse nach Europa. Dort wurde das Spiel durch die mittelalterliche feudale Gesellschaft adaptiert. Der König ist die wichtigste Figur in diesem Spiel. Das hier gezeigte Exemplar hat die Züge eines reifen Mannes, trägt eine lange Tunika und einen schweren Mantel. Ein Diadem fixiert seine leichte Kopfbedeckung.
Süditalien, Mitte 12. Jh.
Elfenbein
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung
und Museum für Byzantinische Kunst,
Inv. 615
Die Königin wird der Werkstatt der berühmten Elfenbeintafeln von Salerno zugeschrieben. Die Figur sitzt auf einem massiven Thronsessel, der mit einer halbrunden Lehne und zwei Kissen versehen ist. Sie trägt ein weites Gewand mit Fledermausärmeln. Der Zeigefinger der rechten Hand zeigt nach links und damit in Richtung der zentralen Spielfigur, des Königs. Die Gebrauchsspuren deuten auf eine Verwendung über längere Zeit hin. Es haben sich Reste einer rötlichen Kolorierung erhalten.
Süditalien, ca. Mitte 11.– Mitte 12. Jh.
Elfenbein
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung
und Museum für Byzantinische Kunst,
Inv. 5952
Die Elfenbeinplaketten des „Paliotto-Zyklus“ von Salerno bestehen aus biblischen Bildmotiven und wurden anlässlich der Einweihung der Kathedrale von Salerno (1084) geschnitzt. Sie zählen zu den bedeutendsten elfenbeinernen Bildwerken des Mittelalters. Die meisten Tafeln sind heute noch in Salerno, doch einige, darunter das gezeigte Stück, werden in anderen Museen aufbewahrt. Die ausgestellte Tafel zeigt eine Illustration von Genesis 13,18 mit Abraham, der Gott einen Altar errichtet. Der Stil des Aufbaus erinnert an die Architektur des normannischen Süditaliens und des fatimidischen Ägyptens.
Süditalien, Salerno/Amalfi, Ende 11.–Anfang 12. Jh.
Elfenbein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 721
Diese Tafel wird trotz des einfacheren und schematischeren Stils mit dem „Paliotto-Zyklus“ aus Salerno in Verbindung gebracht. Sie zeigt die alttestamentliche Szene des Traums Josephs. Mit dem Faltenwurf der Bettdecke, den eingravierten Rauten auf dem Kissen, dem Stab des Engels und den geperlten Strähnen seines Haars ähnelt die Tafel stilistisch jener mit dem Traum Josephs, die heute in Salerno aufbewahrt wird.
Süditalien, ca. Mitte des 11.–Mitte des 12. Jh.
Elfenbein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 1796 (A)
Die genaue Bedeutung und Funktion dieses Horns ist unbekannt. Andere Exemplare wurden jedoch als Musikinstrumente, Reliquiare sowie Statussymbole verwendet. Elfenbein war ein Luxusgut, das mit der Stärke und Kraft des Elefanten verbunden wurde. Im Hauptfries erkennt man zwei symmetrische Paare von Greifen, Gazellen, Kamelen und nicht identifizierbaren Vierbeinern. Unterhalb befindet sich eine Aussparung für ein vielleicht aus Metall oder Stoff gefertigtes Band. Dieses diente als Schmuckelement und zum Tragen des Horns.
Canne della Battaglia, 2. Viertel 12. Jh.
Elfenbein
Barletta, Antiquarium e Parco Archeologico
di Canne della Battaglia, Inv. Nr. 44673
Der filigran gearbeitete Griff besteht aus einem Fisch- oder Drachenkopf mit großen, heute leeren Augenhöhlen. Im weit offenen Maul zwischen den Zähnen hält das Ungeheuer einen auf den Knien liegenden bärtigen Mann mit großem Kopf, kleinem Körper und nackten Beinen gefangen. Auf der entgegengesetzten Seite befindet sich ein weiterer Kopf: Ein älterer Mann mit kahler Stirn, einem geflochtenen Wangenbart und einem buschigen Schnurrbart.
Gaeta, ca. 1100
Marmor
Gaeta, Museo del Centro Storico Culturale,
ohne Inv.
Über die Herkunft und den ursprünglichen Standort des Stückes, das beim Abriss eines Hauses in der Altstadt von Gaeta entdeckt wurde, gibt es keinerlei
Information. Aufgrund des Loches im Maul, an das ein kleiner Abfluss anschließt, wird vermutet, dass es sich um ein dekoratives Element eines Brunnens
aus der Zeit um 1100 handelt. Derartige Zierelemente waren weit verbreitet. Gaeta wurde ab 1063 von den Normannen beherrscht.
Meister des Thrones des Abtes Elias
Bari, Nikolausbasilika, 1. Viertel 12. Jh.
Marmor
Bari, Pinacoteca Corrado Giaquinto, Inv. 21/969
Das Kapitell zeigt zwei nackte, männliche, einander gegenübergestellte Figuren, die als Sklaven oder Atlanten identifiziert werden. Sie sind von Rankenwerk umschlungen, das aus den Mäulern zweier dämonischer Masken hervorwächst. Die Last, welche die Figuren niederdrückt, wird in der angespannten Muskulatur deutlich. Das Werk ist mit dem anonymen Meister des Elia-Thrones in der Nikolausbasilika verbunden. Es ist eines der berühmtesten Zeugnisse der normannischen Skulptur in Apulien.
Produktion: Ralph Gellwitzki
Animation und Video-Design
Tauchen Sie in das Land ein, in dem sich die normannischen Eroberer bewegten und welches sie mit zu formen begannen. Klicken Sie auf die roten Punkte auf der Karte und entdecken Sie die von Vielfalt geprägte Welt Süditaliens!
Am Beispiel der Hauteville-Familie laden wir Sie ein, die Bedeutung von Heiratsverbindungen für die Normannen zu erkunden: Wer heiratete wen, wo und warum? Finden Sie die Paare, die zueinander passen! Heben Sie die Klappe an und sehen Sie, wie sich die Hauteville binnen weniger Jahrzehnte vernetzten – und sie waren nur eine von vielen Familien! Ist es nicht unglaublich, wie vernetzt die Normannen waren?
Die didaktische Station basiert auf einer Idee der Studierenden Nico Draxler, Laura A. Eger, Gloria Meleghy und Elisa Rudisile und wurde in Zusammenarbeit mit Nico Draxler, Laura A. Eger und Gloria Meleghy umgesetzt.