Das Ende einer Ära? Das normannische Erbe Siziliens

Die kulturelle Blüte setzte sich unter Rogers Nachfolgern fort. Das Ansehen und Selbstbewusstsein des normannischen Könighauses spiegelte sich auch in der Heiratspolitik. Rogers Sohn und Enkel ehelichten Königstöchter aus bedeutenden Herrschergeschlechtern. Seine jüngste Tochter Konstanze (gest. 1198) heiratete gegen den Widerstand des Papstes schließlich sogar den Erben des römisch-deutschen Kaisers. Als ihr Neffe kinderlos starb und damit die männliche Linie endete, erbte sie das Königreich Sizilien. Dynastisch bedeutete dies den Übergang des Königreichs an die Staufer, aber war dies das Ende des normannischen Italiens? Diese Frage ist mit nein zu beantworten, denn das normannische Erbe lebte fort. Konstanzes Sohn Friedrich II. (gest. 1250) dürfte sogar stärker vom mütterlichen, normannischen Erbe Siziliens geprägt worden sein als vom staufischen.

F 7.1.1

(1) Basis und Kapitell des Grabbaldachins König Wilhelms I.

Kathedrale von Monreale, 12. Jh.
Porphyr
Monreale, Museo Diocesano, ohne Inv.

F 7.1.2

(2) Fragment einer Wandverkleidung aus Marmor und Mosaiken

Marmorfragment mit opus sectile-Einlegearbeiten
Monreale, Museo Diocesano, ohne Inv.

Die kulturelle Blüte des Königreichs Sizilien setzte sich auch unter Rogers Nachfolgern fort. Wilhelm II. ließ zwischen 1172–1176 als neuen Memorialort und Familiengrablege die monumentale Kathedrale von Monreale bauen. Die Basis und das Kapitell (1) stammen vom Grab seines Vaters Wilhelm I. Wie die Grabmäler seiner Vorgänger war dieses in einer komplexeren monumentalen Baldachinstruktur mit Satteldach eingefasst. Das Material, Porphyr, galt aufgrund seiner Härte und seiner purpurnen Farbe bereits seit der Antike als „Marmor der Könige“. Es ist davon auszugehen, dass antike Stücke wiederverwendet bzw. umgearbeitet wurden. Ebenfalls als möglicher Teil des Giebelbaldachins Wilhelms erscheint das Marmorfragment (2) mit sternförmig ornamentalen opus sectile-Einlegearbeiten aus Goldglas und Buntmarmoren sowie farbigen Glasplättchen. Der ornamentale Mittelfries wird durch zwei Akanthusfriese flankiert.

F 7.2

Einbanddeckel des Evangeliars des Bischofs von Capua

Palermo, 1173–1182
Blattgold, Vermicelli-Filigran, Perlen, Edelsteine,
cloisonné-Emaille
Capua-Caserta, Arcidiocesi di Capua –
Archivio Storico Arcivescovile, ohne Inv.

Der prachtvolle Einband gilt als Geschenk König Wilhelms II. an den Erzbischof Alfano von Capua. Der Geistliche war mit für die erfolgreiche Verlobung König Wilhelms II. von Sizilien mit der englischen Königstocher Johanna Plantagenêt verantwortlich. Zusammen mit zwei anderen Diplomaten hatte er die Tochter König Heinrichs II. von England nach Palermo begleitet. Aufgrund der herausragenden Qualität der cloisonné-Emaille vermutet man als Herstellungsort die normannischen Werkstätten in Palermo.

F 7.3

Chronik des Erzbischofs Romuald von Salerno

Salerno, Ende 12. Jh.
Pergament
Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3973, fol. 241v/242r

Diese Chronik ist eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte des Königreichs Sizilien und Italiens im 12. Jh. Diese Handschrift wurde teilweise vom Autor, dem Erzbischof von Salerno Romuald Guarna, selbst geschrieben. Als einer der engsten Berater Wilhelms I., Margaretes von Navarra und Wilhelms II., berichtet er vorwiegend als Augenzeuge. Als Botschafter vertrat er die Interessen des Reiches bei den wichtigsten Ereignissen seiner Zeit: z. B. beim Frieden von Benevent (1156) und beim Frieden von Venedig (1177).

F 7.4.1-14

Münzen von Roger II. bis Friedrich II

Die normannischen Herrscher übernahmen auf Sizilien ein funktionierendes Münzwesen und die zugehörigen Prägestätten. Die kufischen Legenden und die byzantinischen Bildmotive auf den Münzen der neuen Herren spiegeln die Vielfalt des Königreichs. Außerdem kamen sie den Gewohnheiten
der aus verschiedenen Kulturen bestehenden
Bevölkerung entgegen.

F 7.4.1

(1) Ducalis Rogers II.

Palermo, 1140–1148
Avers: „Jesus Chistus herrscht in Ewigkeit“
Revers: Im Feld rechts: „König Roger von Sizilien,
Herzog Roger von Apulien, im Jahr 10 der Herrschaft“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1995-351

F 7.4.2

(2) Tari Rogers II.

Palermo oder Messina, 1140–1154
Avers: im Feld: „König Roger erhoben von Gott“,
umlaufend: „geprägt in der Stadt Siziliens im Jahre ...“
Revers: im Feld: „Jesus Christus siegt“,
umlaufend: „geprägt in der Stadt Siziliens im Jahre …“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1974-45

F 7.4.3

(3) 1/3 Ducalis Rogers II.

Palermo, 1141–1144
Avers: im Feld: „in der Stadt Siziliens“,
umlaufend: „geprägt im Jahr ...“
Revers: „Drittel Ducalis“
Billon
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1949-257

F 7.4.4

(4) Ducalis Wilhelms I.

Palermo, 1156
Avers: „Jesus Christus“
Revers: im Feld rechts: „König Wilhelm“,
mittig: „dessen Sohn Herzog Roger“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1949-261

Bronzene Follares nach oströmischem Vorbild oder goldene Tari (2, 10), die nach arabischer Tradition Titel, Datum und Münzstätte nennen, wurden in Palermo und Messina wie auch in Amalfi und Salerno geprägt. Unter Roger II. kam der silberne Ducalis hinzu, dessen byzantinische Bildsprache selbst im Ornat des hier dargestellten Königs deutlich wird.

F 7.4.5

(5) Denar Kaiser Heinrichs VI. und Kaiserin Konstanzes

Brindisi oder Messina, 1194–1196
Avers: „Kaiser Heinrich“
Revers: „Kaiserin Konstanze“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-273

F 7.4.6

(6) Denar Kaiser Heinrichs VI. und Kaiserin Konstanzes

Brindisi, 1194–1196
Avers: „Kaiser Heinrich“
Revers: im Feld: „Apulien“,
umlaufend: „Kaiserin Konstanze“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1951-455

F 7.4.7

(7) Tercenario Tankreds

Palermo, 1189–1194
Avers: „Geschlagen in der Stadt Siziliens auf
Anordnung des herrlichen Königs Tankred.“ –
„Möge Gott seine Herrschaft lang machen.“
Revers: im Feld: „König Tankred von Sizilien“,
umlaufend: „Die Rechte des Herrn hat mich erhöht“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1995-355

F 7.4.8

(8) Trifollaro Wilhelms II.

Messina, 1166–1189
Bronze
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-267

F 7.4.9

(9) Trifollaro Wilhelms II.

Messina, 1166
Bronze
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-268

Die Trifollari (8–9) Wilhelms II. mit Löwenkopf und Dattelpalme scheinen dagegen losgelöst von früheren Traditionen. Diese großen Münzen wie auch neue Nominale aus minderwertigem Billon (7) sind als Reaktion auf den Silbermangel zu verstehen. So fiel im Lauf der Zeit auch der Silberanteil der Denare (5, 6, 12) stark ab, die von den Stauferkaisern nach 1194 eingeführt wurden. In diesem Jahr konnte sich Heinrich VI. dank seiner Ehe mit Konstanze von Hauteville, deren Namen auf den in Brindisi und Messina geprägten Billon- Münzen genannt wird (5–6), zum Herrscher von Sizilien krönen lassen.

F 7.4.10

(10) Tari Wilhelms II.

Amalfi, 1167–1168
Avers: „König Wilhelm II., der sich wünscht, von Gott
erhoben zu sein“ – „wurde geprägt in Amalfi im Jahre
563 = 1167/1168“
Revers: im Feld: „König“, umlaufend: „König Wilhelm II.,
der sich wünscht, von Gott erhoben zu sein“ – „wurde
geprägt in Amalfi im Jahre 563 = 1167/1168“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1994-101

F 7.4.11

(11) Augustalis Kaiser Friedrichs II.

Messina, 1231–1266
Avers: „Kaiser der Römer Caesar Augustus“
Revers: „Friedrich“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 16437

F 7.4.12

(12) Denar Kaiser Friedrichs II.

Brindisi, 1221
Avers: „Kaiser“ im Feld: „Friedrich“
Revers: „König von Sizilien“
Silber
Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen
zu Berlin, Nr. 18209392

F 7.4.13

(13) Tari Kaiser Friedrichs VI.

Messina, 1220–1250
Avers: „Kaiser Friedrich“
Revers: „Jesus Christus siegt“
Gold
Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen
zu Berlin, Nr. 18205660

F 7.4.14

(14) Tari Kaiser Friedrichs VI.

Messina, 1230–1250
Avers: Scheinschrift
Revers: „Jesus Christus siegt“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1974-46

Im Gewicht, aber nicht im Feingehalt schwankend, blieben die von Friedrich II. weitergeprägten Goldtari (13), deren Umschriften sich allerdings gegen Ende seiner Herrschaft zu geometrischen Schnörkeln entwickelten (14). Mehr Aufmerksamkeit widmete dieser seinem neuen Nominal, dem Augustalis (11). Mit einem Gewicht um 5,3 g und einem hohen Goldgehalt sollte diese Münze dem byzantinischen Solidus und dem islamischen Dinar ebenbürtig sein. Im Stil römischer Kaiser ließ sich Friedrich II. mit Lorbeerkranz auf dem Avers abbilden. Auf dem Revers ist das der römischen Antike entlehnte Wappentier der Stauferkaiser zu erkennen.

F 7.5

Krönungsmantel Friedrichs II., sog. Mantel Karls des Großen

Sizilien, Anfang 13. Jh., Schild und Stab:
Niederrhein, 16. Jh.
Seide, Seiden- und Goldstickerei, Schild und Stab:
Seiden- und Metallstickerei
Metz, Chapitre de la Cathédrale Saint-Étienne,
Cl. M.H. 20 mai 1975

Das neben dem Wiener Krönungsornat kostbarste noch erhaltene Zeugnis der normannisch-sizilianischen Textilproduktion ist diese Pluviale. Ursprünglich diente sie vermutlich als Krönungsmantel Friedrichs II. Der Mantel weist eine Ikonografie auf, die insbesondere durch das Adlermotiv klare Bezüge zum Kaisertum hat. Die Medaillons mit Tiersymbolen, die floralen Ornamente und die nach oben geöffneten Halbmonde verweisen auf eine orientalische Tradition.

F 7.6.1

Beigaben aus dem Grab Konstanzes von Aragón: (1) Plakette

Palermo, vor 1222
Silber, getrieben und graviert
Palermo, Tesoro della Cattedrale, ohne Inv
.

F 7.6.2

Beigaben aus dem Grab Konstanzes von Aragón: (2) Drei Ringe

Palermo, vor 1222
Gold, granuliert, Smaragd, rosafarbener Rubin,
blau-violetter Stein
Palermo, Tesoro della Cattedrale, ohne Inv.

„Hier liegt der Körper der Herrin Konstanze, hochverehrte Kaiserin der Römer und Königin Siziliens, Frau Kaiser Friedrichs und Tochter des Königs von Aragón […]“. Friedrich II. wurde in erster Ehe mit Konstanze von Aragón verheiratet. Diese Verbindung war bereits von seiner Mutter Konstanze von Hauteville geplant worden. In Abwesenheit ihres Mannes übernahm die Kaiserin die Regierung Siziliens. Als sie 1224 starb, wurde sie in der Kathedrale von Palermo in einem antiken Marmorsarkophag beigesetzt. In ihrem Grab fand man u.a. eine Silberplakette mit Inschrift und fünf edelsteinbesetzte Ringe, von denen heute nur die drei hier ausgestellten erhalten sind.

F 7.7

Gedichte Friedrichs II.

Pistoia (?), 13. Jh.
Pergament
Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale,
Banco Rari 217, fol. 29

Zur Zeit Friedrichs II. entstand auf Sizilien die erste volkssprachlich-italienischen Dichtung, die sog. „Sizilianische Dichterschule“. Dem Kaiser selbst werden mit unterschiedlicher Zuverlässigkeit sechs Gedichte zugeschrieben. Zwei davon befinden sich in dieser Handschrift: „Poi ke ti piace, amore“ („Da es euch gefällt, Amor“, fol. 29r) und „Per la fera membranza“ („Wegen der schmerzlichen Erinnerung“, fol. 29r/v)“. Das Hauptthema ist die Liebe, ein sinnliches und irdisches Gefühl sowie die völlige Unterwerfung des Mannes unter die Frau.

F 7.8

Das Falkenbuch (De arte venandi cum avibus)

Bologna, 2. H. 13. Jh.
Pergament
Bologna, Biblioteca Universitaria, Ms. 717,
c. 125-c. 126r

Friedrich II. entwickelte eine besondere Faszination und ein naturwissenschaftliches Interesse für die Falkenjagd, mit der er sich über drei Jahrzehnte intensiv beschäftigte. In dieser Zeit entstand sein berühmtes Werk „Von der Kunst mit Vögeln zu jagen“. Beim hier ausgestellten Exemplar handelt es sich um die älteste und vollständigste Überlieferung des Falkenbuchs. Sie wurde von Friedrichs Sohn Enzo in Bologna in Auftrag gegeben. In dieser Stadt verbrachte Enzo über 20 Jahre als Gefangener.