Die kulturelle Blüte setzte sich unter Rogers Nachfolgern fort. Das Ansehen und Selbstbewusstsein des normannischen Könighauses spiegelte sich auch in der Heiratspolitik. Rogers Sohn und Enkel ehelichten Königstöchter aus bedeutenden Herrschergeschlechtern. Seine jüngste Tochter Konstanze (gest. 1198) heiratete gegen den Widerstand des Papstes schließlich sogar den Erben des römisch-deutschen Kaisers. Als ihr Neffe kinderlos starb und damit die männliche Linie endete, erbte sie das Königreich Sizilien. Dynastisch bedeutete dies den Übergang des Königreichs an die Staufer, aber war dies das Ende des normannischen Italiens? Diese Frage ist mit nein zu beantworten, denn das normannische Erbe lebte fort. Konstanzes Sohn Friedrich II. (gest. 1250) dürfte sogar stärker vom mütterlichen, normannischen Erbe Siziliens geprägt worden sein als vom staufischen.
Kathedrale von Monreale, 12. Jh.
Porphyr
Monreale, Museo Diocesano, ohne Inv.
Marmorfragment mit opus sectile-Einlegearbeiten
Monreale, Museo Diocesano, ohne Inv.
Die kulturelle Blüte des Königreichs Sizilien setzte sich auch unter Rogers Nachfolgern fort. Wilhelm II. ließ zwischen 1172–1176 als neuen Memorialort und Familiengrablege die monumentale Kathedrale von Monreale bauen. Die Basis und das Kapitell (1) stammen vom Grab seines Vaters Wilhelm I. Wie die Grabmäler seiner Vorgänger war dieses in einer komplexeren monumentalen Baldachinstruktur mit Satteldach eingefasst. Das Material, Porphyr, galt aufgrund seiner Härte und seiner purpurnen Farbe bereits seit der Antike als „Marmor der Könige“. Es ist davon auszugehen, dass antike Stücke wiederverwendet bzw. umgearbeitet wurden. Ebenfalls als möglicher Teil des Giebelbaldachins Wilhelms erscheint das Marmorfragment (2) mit sternförmig ornamentalen opus sectile-Einlegearbeiten aus Goldglas und Buntmarmoren sowie farbigen Glasplättchen. Der ornamentale Mittelfries wird durch zwei Akanthusfriese flankiert.
Palermo, 1173–1182
Blattgold, Vermicelli-Filigran, Perlen, Edelsteine,
cloisonné-Emaille
Capua-Caserta, Arcidiocesi di Capua –
Archivio Storico Arcivescovile, ohne Inv.
Der prachtvolle Einband gilt als Geschenk König Wilhelms II. an den Erzbischof Alfano von Capua. Der Geistliche war mit für die erfolgreiche Verlobung König Wilhelms II. von Sizilien mit der englischen Königstocher Johanna Plantagenêt verantwortlich. Zusammen mit zwei anderen Diplomaten hatte er die Tochter König Heinrichs II. von England nach Palermo begleitet. Aufgrund der herausragenden Qualität der cloisonné-Emaille vermutet man als Herstellungsort die normannischen Werkstätten in Palermo.
Salerno, Ende 12. Jh.
Pergament
Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3973, fol. 241v/242r
Diese Chronik ist eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte des Königreichs Sizilien und Italiens im 12. Jh. Diese Handschrift wurde teilweise vom Autor, dem Erzbischof von Salerno Romuald Guarna, selbst geschrieben. Als einer der engsten Berater Wilhelms I., Margaretes von Navarra und Wilhelms II., berichtet er vorwiegend als Augenzeuge. Als Botschafter vertrat er die Interessen des Reiches bei den wichtigsten Ereignissen seiner Zeit: z. B. beim Frieden von Benevent (1156) und beim Frieden von Venedig (1177).
Erzbischof Romuald von Salerno studierte neben Theologie auch Medizin an der berühmten Medizinschule von Salerno. Er behandelte sogar den Normannenkönig.
Die normannischen Herrscher übernahmen auf Sizilien ein funktionierendes Münzwesen und die zugehörigen Prägestätten. Die kufischen Legenden und die byzantinischen Bildmotive auf den Münzen der neuen Herren spiegeln die Vielfalt des Königreichs. Außerdem kamen sie den Gewohnheiten
der aus verschiedenen Kulturen bestehenden
Bevölkerung entgegen.
Palermo, 1140–1148
Avers: „Jesus Chistus herrscht in Ewigkeit“
Revers: Im Feld rechts: „König Roger von Sizilien,
Herzog Roger von Apulien, im Jahr 10 der Herrschaft“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1995-351
Palermo oder Messina, 1140–1154
Avers: im Feld: „König Roger erhoben von Gott“,
umlaufend: „geprägt in der Stadt Siziliens im Jahre ...“
Revers: im Feld: „Jesus Christus siegt“,
umlaufend: „geprägt in der Stadt Siziliens im Jahre …“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1974-45
Palermo, 1141–1144
Avers: im Feld: „in der Stadt Siziliens“,
umlaufend: „geprägt im Jahr ...“
Revers: „Drittel Ducalis“
Billon
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1949-257
Palermo, 1156
Avers: „Jesus Christus“
Revers: im Feld rechts: „König Wilhelm“,
mittig: „dessen Sohn Herzog Roger“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1949-261
Bronzene Follares nach oströmischem Vorbild oder goldene Tari (2, 10), die nach arabischer Tradition Titel, Datum und Münzstätte nennen, wurden in Palermo und Messina wie auch in Amalfi und Salerno geprägt. Unter Roger II. kam der silberne Ducalis hinzu, dessen byzantinische Bildsprache selbst im Ornat des hier dargestellten Königs deutlich wird.
Brindisi oder Messina, 1194–1196
Avers: „Kaiser Heinrich“
Revers: „Kaiserin Konstanze“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-273
Brindisi, 1194–1196
Avers: „Kaiser Heinrich“
Revers: im Feld: „Apulien“,
umlaufend: „Kaiserin Konstanze“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1951-455
Palermo, 1189–1194
Avers: „Geschlagen in der Stadt Siziliens auf
Anordnung des herrlichen Königs Tankred.“ –
„Möge Gott seine Herrschaft lang machen.“
Revers: im Feld: „König Tankred von Sizilien“,
umlaufend: „Die Rechte des Herrn hat mich erhöht“
Silber
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1995-355
Messina, 1166–1189
Bronze
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-267
Messina, 1166
Bronze
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1949-268
Die Trifollari (8–9) Wilhelms II. mit Löwenkopf und Dattelpalme scheinen dagegen losgelöst von früheren Traditionen. Diese großen Münzen wie auch neue Nominale aus minderwertigem Billon (7) sind als Reaktion auf den Silbermangel zu verstehen. So fiel im Lauf der Zeit auch der Silberanteil der Denare (5, 6, 12) stark ab, die von den Stauferkaisern nach 1194 eingeführt wurden. In diesem Jahr konnte sich Heinrich VI. dank seiner Ehe mit Konstanze von Hauteville, deren Namen auf den in Brindisi und Messina geprägten Billon- Münzen genannt wird (5–6), zum Herrscher von Sizilien krönen lassen.
Amalfi, 1167–1168
Avers: „König Wilhelm II., der sich wünscht, von Gott
erhoben zu sein“ – „wurde geprägt in Amalfi im Jahre
563 = 1167/1168“
Revers: im Feld: „König“, umlaufend: „König Wilhelm II.,
der sich wünscht, von Gott erhoben zu sein“ – „wurde
geprägt in Amalfi im Jahre 563 = 1167/1168“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
MK 1994-101
Messina, 1231–1266
Avers: „Kaiser der Römer Caesar Augustus“
Revers: „Friedrich“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 16437
Brindisi, 1221
Avers: „Kaiser“ im Feld: „Friedrich“
Revers: „König von Sizilien“
Silber
Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen
zu Berlin, Nr. 18209392
Messina, 1220–1250
Avers: „Kaiser Friedrich“
Revers: „Jesus Christus siegt“
Gold
Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen
zu Berlin, Nr. 18205660
Messina, 1230–1250
Avers: Scheinschrift
Revers: „Jesus Christus siegt“
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg, MK 1974-46
Im Gewicht, aber nicht im Feingehalt schwankend, blieben die von Friedrich II. weitergeprägten Goldtari (13), deren Umschriften sich allerdings gegen Ende seiner Herrschaft zu geometrischen Schnörkeln entwickelten (14). Mehr Aufmerksamkeit widmete dieser seinem neuen Nominal, dem Augustalis (11). Mit einem Gewicht um 5,3 g und einem hohen Goldgehalt sollte diese Münze dem byzantinischen Solidus und dem islamischen Dinar ebenbürtig sein. Im Stil römischer Kaiser ließ sich Friedrich II. mit Lorbeerkranz auf dem Avers abbilden. Auf dem Revers ist das der römischen Antike entlehnte Wappentier der Stauferkaiser zu erkennen.
Sizilien, Anfang 13. Jh., Schild und Stab:
Niederrhein, 16. Jh.
Seide, Seiden- und Goldstickerei, Schild und Stab:
Seiden- und Metallstickerei
Metz, Chapitre de la Cathédrale Saint-Étienne,
Cl. M.H. 20 mai 1975
Das neben dem Wiener Krönungsornat kostbarste noch erhaltene Zeugnis der normannisch-sizilianischen Textilproduktion ist diese Pluviale. Ursprünglich diente sie vermutlich als Krönungsmantel Friedrichs II. Der Mantel weist eine Ikonografie auf, die insbesondere durch das Adlermotiv klare Bezüge zum Kaisertum hat. Die Medaillons mit Tiersymbolen, die floralen Ornamente und die nach oben geöffneten Halbmonde verweisen auf eine orientalische Tradition.
Palermo, vor 1222
Silber, getrieben und graviert
Palermo, Tesoro della Cattedrale, ohne Inv.
Inskription auf der Plakette:
+ / HOC EST CORPUS DOMINE /
CONSTANCIE ILLUSTRIS ROMA/NORUM
IMPERATRICIS SEMPER AUGU/STE ET
REGINE SICILIE UXORIS / DOMINI IMPERATORIS
FREDERICI ET FILIE / REGIS ARAGONUM
/ OBIIT AUTEM ANNO / DOMINICE
INCARNACIONIS MILLESIMO / CC / XXII
XXIII IUNII X INDICIONE / IN CIVITATE
CATANIE
„Hier liegt der Körper der Herrin Konstanze, hochverehrte Kaiserin der Römer und Königin Siziliens, Frau Kaiser Friedrichs und Tochter des Königs von Aragón. Sie starb im Jahre des Herrn 1222, am 23. Juni der 10. Indiktion in der Stadt Catania“.
Palermo, vor 1222
Gold, granuliert, Smaragd, rosafarbener Rubin,
blau-violetter Stein
Palermo, Tesoro della Cattedrale, ohne Inv.
„Hier liegt der Körper der Herrin Konstanze, hochverehrte Kaiserin der Römer und Königin Siziliens, Frau Kaiser Friedrichs und Tochter des Königs von Aragón […]“. Friedrich II. wurde in erster Ehe mit Konstanze von Aragón verheiratet. Diese Verbindung war bereits von seiner Mutter Konstanze von Hauteville geplant worden. In Abwesenheit ihres Mannes übernahm die Kaiserin die Regierung Siziliens. Als sie 1224 starb, wurde sie in der Kathedrale von Palermo in einem antiken Marmorsarkophag beigesetzt. In ihrem Grab fand man u.a. eine Silberplakette mit Inschrift und fünf edelsteinbesetzte Ringe, von denen heute nur die drei hier ausgestellten erhalten sind.
Pistoia (?), 13. Jh.
Pergament
Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale,
Banco Rari 217, fol. 29
Zur Zeit Friedrichs II. entstand auf Sizilien die erste volkssprachlich-italienischen Dichtung, die sog. „Sizilianische Dichterschule“. Dem Kaiser selbst werden mit unterschiedlicher Zuverlässigkeit sechs Gedichte zugeschrieben. Zwei davon befinden sich in dieser Handschrift: „Poi ke ti piace, amore“ („Da es euch gefällt, Amor“, fol. 29r) und „Per la fera membranza“ („Wegen der schmerzlichen Erinnerung“, fol. 29r/v)“. Das Hauptthema ist die Liebe, ein sinnliches und irdisches Gefühl sowie die völlige Unterwerfung des Mannes unter die Frau.
Da es euch gefällt, Amor („Poi ke ti piace, amore“)
1. Da es euch gefällt, Amor
dass ich ein Lied singe,
werde ich mein Mögliches tun,
dass ich es vollbringe.
Ich habe mein Herz darauf gerichtet,
Euch, o Herrin, zu lieben,
und all mein Hoffen darauf,
Euch zu gefallen.
Und ich werde mich nicht trennen,
von Euch, edle Herrin,
denn ich liebe Euch inniglich,
und möge es Euch gefallen, dass ich liebe.
Gebt mir Kraft, feine Herrin,
denn mein Herz neigt sich immer Euch zu.
2. Wenn ich mich verneige, habe ich allen Grund dazu
bei einem solchen Liebesgut,
denn ich hoffe, wenn ich auf Euch hoffe,
dass ich noch immer
frohgestimmt sein darf,
und all mein Hoffen
war darauf gerichtet, Euch zu lieben
und Euch zu willen zu sein.
Und ich sehe Eure Züge,
leuchtender Stern,
und erhoffe reine Freude
und vertraue auf mein Dienen
und darauf, Euch zu gefallen, die Ihr die Blume
vor allen Frauen seid, mehr wert als sie.
3. - Ihr habt mehr Wert als die anderen
und alles Wissen,
denn niemand
könnte Euren Wert ermessen,
denn Ihr seid so schön!
Meiner Meinung nach
gibt es keine Frau,
die so hochstehend, so schön wäre
und so viel höfischen Wert hätte,
verglichen mit Euch, erhabene Frau,
Euer gütiges Anlitz
tröstet mich und macht mich froh
und wenn ich Euch preisen kann, feine Frau,
gewinne ich dadurch noch mehr.
4. Allezeit sehe iuch und fühle,
und ich habe allen Grund dazu,
dass mir Amor Euch gönnt,
edle Kreatur.
Nie werde ich Ruhe haben,
Eure Schönheit hat
soviel Macht:
Durch Euch bin immer wach,
Im Schein der Sonne
betrachte ich Euer schönes Gesicht,
das mir die Liebe eingegeben hat,
und ich halte das für ein großes Glück.
Immer wird belohnt, wer einem guten Herrn glaubt,
und deshalb habe ich mir Eurer Gunst anvertraut.
5. - Habt Gnade und Mitleid mit mir,
edles Wesen,
denn all mein Begehren
[ist auf Euch gerichtet]
und Ihr wisst sicher,
schöner Duftende als jede Rose,
dass das, was ich am meisten ersehne,
ist, Euch oft zu sehen,
Euren süßen Anblick,
dem ich verfallen bin
und Herz und Leib überlassen habe.
Von dem Augenblick an, da ich Euch zum ersten Mal sah,
war ich für immer in Eurer Macht,
denn eine andere Herrin will ich nie haben.
Bologna, 2. H. 13. Jh.
Pergament
Bologna, Biblioteca Universitaria, Ms. 717,
c. 125-c. 126r
Friedrich II. entwickelte eine besondere Faszination und ein naturwissenschaftliches Interesse für die Falkenjagd, mit der er sich über drei Jahrzehnte intensiv beschäftigte. In dieser Zeit entstand sein berühmtes Werk „Von der Kunst mit Vögeln zu jagen“. Beim hier ausgestellten Exemplar handelt es sich um die älteste und vollständigste Überlieferung des Falkenbuchs. Sie wurde von Friedrichs Sohn Enzo in Bologna in Auftrag gegeben. In dieser Stadt verbrachte Enzo über 20 Jahre als Gefangener.