Byzanz – Vorbild, Konkurrent und „Objekt der Begierde“

Die Byzantiner sahen in den Normannen aus Süditalien Aufsteiger und Barbaren, aber auch eine ernsthafte militärische Bedrohung. Die Normannen dagegen blickten mit begehrlichen Augen auf Byzanz und auf den Luxus Konstantinopels. Der „griechische“ Einfluss und die religiöse Tradition waren tief in Süditalien verwurzelt. Sie wurden Teil sizilisch-normannischer Herrschaft. Die Könige von Sizilien imitierten in ihrer herrscherlichen Repräsentation den byzantinischen Kaiser. Auch die Ausstattung der Kirchen und Paläste weist byzantinischen Einfluss auf und in den königlichen Werkstätten Palermos arbeiteten Künstler und Handwerker aus dem östlichen Kaiserreich.

Hörstation: Anna Komnena berichtet über die Normannen

Produktion: eichfelder artworks
Länge: 06:30 min

Anna Komnena ist eine der ersten bekannten Geschichtsschreiberinnen des Mittelalters. In der Alexias, einer wichtigen Quelle für den Mittelmeerraum im 11. und 12. Jh., berichtet sie ausführlich von den Normannen. Robert Guiscard und seinem Sohn Bohemund widmet sie ihre besondere Aufmerksamkeit. Beide werden als die großen Antagonisten des byzantinischen Kaisers gezeichnet – und als würdige Gegner.

G 1.1

Anna Komnena: "Alexias"

Byzanz, 12. Jh.
Pergament
Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana,
Plut. 70.2, fol. 11v/12r

In 15 Büchern schrieb Anna Komnena (gest. 1153) ein umfassendes Geschichtswerk, das sich vor allem der Regierung ihres Vaters, Kaiser Alexios Komnenos, widmet. Als byzantinische Kaisertochter war sie im Zentrum der Macht aufgewachsen und konnte daher auf eigene Anschauung sowie auf direkte Augenzeugenberichte und Dokumente zurückgreifen. So entstand eine vielseitige, detaillierte, aber nicht ungefärbte Darstellung der Herrschaft ihres Vaters (1081–1118). Die Normannen spielen darin eine nicht unerhebliche Rolle. Die gezeigte Handschrift gehört zu den ältesten überlieferten Abschriften des Textes. Aufgeschlagen ist die Beschreibung Robert Guiscards im 10. Kapitel des 1. Buches.

G 1.2.1

(1) Enkolpion mit Ritzdekor

Vorderseite: Christus am Kreuz,
Rückseite: Maria Orans
Mittelbyzantinisch, 10.–12. Jh.
Bronze, gegossen
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Inv. Blanck 5

G 1.2.2

(2) Enkolpion mit Ritzdekor

Vorderseite: Maria Orans (?) flankiert von
zwei halbfigurigen Engeln, Rückseite: unverziert
Mittelbyzantinisch, 11. Jh.
Bronze
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim,
Inv. Homsy 127

G 1.2.3-4

(3+4) Enkolpia mit Reliefdekor

Vorderseite: Christus am Kreuz zw. Maria und
Johannes, Rückseite: Maria Orans und Büsten
der vier Evangelisten
Mittelbyzantinisch, 10.–12. Jh.
Bronze, gegossen
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim,
Inv. Allardt 22 (3); Inv. Homsy 128 (4)

Die Bezeichnung Enkolpion beinhaltete zunächst alle Gegenstände, die an Ketten auf der Brust getragen wurden. Ab dem 9. Jh. setzten sich dann im Byzantinischen Reich vermehrt Enkolpia in Form kleiner kreuzförmiger Kapseln durch. Sie bestanden aus zwei durch ein Scharnier verbundene hohle Kreuzhälften, die aufgeklappt werden konnten. Im Inneren wurden Reliquien aufbewahrt, meist den Überrest eines Heiligen. Kreuzigungsszenen und die betende Maria, alleine oder mit den Evangelisten(-symbolen), zählten zu den häufigsten Darstellungen.

G 1.4.1

(1) Staurothek in Form eines Triptychons

Konstantinopel (?), Ende 10.–Anfang 11. Jh.
(mit späteren Eingriffen)
Vergoldetes Silber, cloisonné-Emaille, Edelsteine
Monopoli, Museo Diocesano, Inv. 1

In einer Staurothek werden Teile des Kreuzes Christi aufbewahrt. Das kostbare Kunstwerk aus Monopoli wurde sehr wahrscheinlich in Konstantinopel angefertigt. Die zentrale Platte kann nach unten geschoben werden und birgt im Zentrum ein Fragment des „Wahren Kreuzes“. Auch die Darstellung in cloisonné-Emaille auf der zentralen Tafel verweist auf den religiösen Inhalt: Christus am Kreuz, flankiert von Maria und Johannes. Auf den Flügeln die Figuren der Heiligen Petrus und Paulus.

G 1.4.2

(2) Staurothek-Enkolpion

Konstantinopel (?), 2. H. 10. Jh.
Gold und cloisonné-Emaille
Gaeta, Museo Diocesano, ohne Inv.

Dieses prachtvolle Kunstwerk wurde sehr wahrscheinlich in den kaiserlichen Werkstätten Konstantinopels gefertigt. Es diente sowohl als Reliquiar für Fragmente des „Wahren Kreuzes“ als auch als Enkolpion. In dieser Funktion sollte es seinem Träger Schutz und körperliche Unversehrtheit garantieren. Aus einer metrisch verfassten Inschrift geht der Name des ursprünglichen Besitzers hervor: „Mutter Gottes, hilf deinem Diener Basilios“. Es ist anzunehmen, dass das Stück vor der normannischen Eroberung, als weite Teile Süditaliens unter byzantinischer Herrschaft standen, in diese Region gelangte.

G 1.5.1

(1) Ducalis Rogers II. mit seinem Sohn Roger III.

Palermo, 1140–1154
Silber
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett,
Nr. 18279775

G 1.5.2

(2) Histamenon der Kaiser Basileios II. und Konstantin VIII.

Konstantinopel, 1005–1025
Avers: + Ih(σou)S X(ρ)IS(τos) REX REGNANTIhm
Revers: + bASIL(eios) C COHSTAhTIh b(asileus)
R(omaion)
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
Inv. MK 28027

G 1.5.3

(3) Histamenon Kaiser Romanos III.

Konstantinopel, 1028–1034
Avers: + Ih(σou)S X(ρ)IS(τos) REX RESNANTIhm
Revers: + Θ(εoτo)CE bOHΘ RωmAhω
oben Mitte: M(ητηρ) Θ(ειou
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
Inv. MK 28030

G 1.5.4

(4) Hyperpyron Kaiser Manuels I.

Konstantinopel, 1143–1180
Avers: + K(uρι)E ROHΘEI
im Feld: I(ησou) C.X(ριστo)C
Revers: links im Feld: [M]A/[NVH]Λ/[ΔE]C/ΠO/TH,
rechts: ΠOP/ ΦY/POΓ/NH/T
Gold
Stuttgart, Landesmuseum Württemberg,
Inv. MK 28032

1071 verlor das Byzantinische Reich seine letzten Gebiete in Süditalien an die Normannen. In der normannischen Münzprägung bestanden die griechischen Traditionen allerdings fort. Roger II. betrieb Münzstätten in Palermo, Messina, Salerno und Amalfi. Seine Münzen in Gold, Silber und Bronze orientieren sich vornehmlich an byzantinischen Münzen, nehmen aber in Schrift und Bild auch die Motive arabischer Vorbilder auf. Besonders ein von König Roger II. eingeführtes Silbernominal, der Ducalis (1), bediente sich der byzantinischen Bildsprache. Dies ist beim Vergleich mit den Münzen der griechischen Kaiser zu erkennen (2–4).