„Außerdem ließ Robert, d.h. Rollo, seine Leute und Krieger taufen und im Glauben des Christentums unterrichten. Danach rief er Bischof Franco zu sich und fragte ihn, welche Kirchen im Land besonders verehrungswürdig seien (…). Franco sagte »Die Kirchen von Rouen, Bayeux und Évreux (…), die Kirche auf dem Berg im Meer, die nach dem Erzengel Michael benannt ist (…) und das Heiligtum in Jumièges (…). Es gibt noch viele andere Kirchen unter deiner Herrschaft, aber diese sind außergewöhnlich.«“
„Er [Rollo] war Christ geworden und hatte viele seiner Gefangenen zu Christen gemacht, die er zuvor zu Ehren der Götter, die er verehrte, geköpft hätte. Und er gab den christlichen Kirchen eine ungeheure Menge Goldes, zu Ehren Gottes, in dessen Namen er getauft worden war.“
In erstaunlich kurzer Zeit gelang es den Nordmännern, ihre Herrschaft zu etablieren. Die Normandie, die seit der Zeit um 1000 diesen Namen trug, entwickelte sich zu einem starken Fürstentum. Rouen, Fécamp und später Caen wurden zu Hauptstädte eines florierenden Territoriums. Die Herzöge begegneten den anderen Magnaten auf Augenhöhe und dehnten ihren machtpolitischen Einfluss aus. Die Normannen sicherten ihr Gebiet durch Festungen vor allen in Grenzregionen ab. Gleichzeitig richteten sie ihren Blick aber auch nach außen und nutzten Gelegenheiten, um ihren Einfluss und ihr Territorium zu erweitern. Daneben förderten sie den Bau von Kirchen und Klöstern, die eine wichtige Funktion für ihre Herrschaft hatten. Neben dem wichtigen religiösen Aspekt spielten die Klöster eine bedeutende Rolle für die Herrschaftsdurchdringung. Sie waren ökonomische sowie geistige Zentren und gut vernetzt.
Abtei von Jumièges, 12. Jh.
Stein
Jumièges, Departement de Seine-Maritime,
Inv. 76OM5649 / JUM1946000121
Der lokalen Tradition zufolge kann dieser Steinkopf aus Jumièges mit einem bedeutenden Förderer der Abtei identifiziert werden: Wilhelm „Langschwert“. Er baute um 940 die von Wikingern zerstörte (841) Abtei wieder auf. Da er aber 941 ermordet wurde und sein Sohn und Nachfolger Richard I. andere Bauprojekte vorzog, dauerte es noch gut 100 Jahre, bis ein neuer Bau fertiggestellt wurde. Heute ist dieser als eindrucksvolle Ruine erhalten.
Vorlage für die Rundbilder: London, The British
Library, Royal 14 B VI, fol. 5 | Avranches, BM,
ms. 210, fol. 23v
Grafische Überarbeitung: Homann Güner Blum,
Visuelle Kommunikation
Erfahren Sie anhand dieser Drehpanels mehr über bedeutende Vertreter des normannischen Herzogshauses von Rollo bis zu Wilhelm dem Eroberer und Mathilde von Flandern.
Abtei von Jumièges, 14. Jh.
Stein
Jumièges, Departement de Seine-Maritime,
Inv. 76OM5559 / JUM19460005930
Dieser Porträtkopf soll Wilhelm „den Eroberer“ (gest. 1087) zeigen, worauf die Krone verweist. Wilhelm war wie sein gleichnamiger Vorfahre ein großzügiger Förderer der Abtei von Jumièges. 1067 wohnte er der Weihe der neu erbauten und imposanten Hauptkirche bei. Interessant ist der große zeitliche Abstand der Fertigung der beiden gezeigten Porträtköpfe (12. und 14. Jh.). Dies zeugt von der langfristigen Pflege der Erinnerung an die Herzöge und die engen Verbindungen zu diesen.
Rouen war die Keimzelle und das erste wichtige Zentrum der späteren Normandie. Eine wichtige Rolle spielte der Erzbischof Rouens, Franco, der die Plünderung der Stadt durch die Wikinger um Rollo verhindern konnte. Nicht zuletzt dank seiner Vermittlung schloss Rollo ein Abkommen mit König Karl „dem Einfältigen“, das die Basis für die Entstehung der Normandie bildete. Franco war es auch, der Rollo taufte. Um Rouen entwickelte Rollo seine Herrschaft und vergrößerte diese. In der Kathedrale von Rouen wurde er begraben.
Canterbury, St. Augustine‘s Abbey, kurz nach 1100
Pergament
Cambridge, The Parker Library, Corpus Christi
College, MS 276, fol. 55r
Dudo schrieb mit seiner Historia Normannorum die erste Normannengeschichte. Sie entstand im Auftrag Herzog Richards I. (gest. 996) und prägte nachhaltig die Erzählung über die normannische Herkunft und Identität. Die Normannen werden in ein positives Licht gerückt und als mustergültige Herrscher der Normandie dargestellt. Betont wird ihre erfolgreiche Integration ins Fränkische Reich. Das hier gezeigte Exemplar entstand in Canterbury und ist Zeuge kultureller Verflechtungen zwischen der Normandie und England.
Rouen, Kathedrale, 11. Jh.
Grauer und schwarzer Marmor
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 63.8.1
Dieses Bodenfragment schmückte einst den Chor der Kathedrale von Rouen. Es wurde aus schwarzem und grauem Marmor in opus sectile gearbeitet, einer Mosaiktechnik, die aus der Antike stammt. Dies zeugt von großer Handwerkskunst, denn bei dieser Technik wurde teurer Marmor exakt und regelmäßig in komplexen geometrischen Mustern angeordnet. Die Bischöfe und die Fürsten scheuten also keine Kosten und Mühen für die Ausstattung ihrer Kathedrale.
Rouen, Abtei Saint-Ouen, 16. September 1057
Blei
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 1833.15
Diese Grabplatte wurde in einem Steinsarkopharg bei Ausgrabungsarbeiten (1882–84) in der Abteikirche Saint-Ouen entdeckt. Sie erinnert an den Erzdiakon Hugo (gest. 1057), der dort begraben wurde. Die Inschrift wurde in unregelmäßigen Buchstaben mit einem spitzen Werkzeug in die Bleiplatte geritzt. Der Schreiber verkalkulierte sich offenbar beim verfügbaren Platz. Daher fügte er die letzte Zeile nahtlos an die vorherige an.
Rouen, 1. H. 12. Jh.
Bronze
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 64.2.2
Der Äbtissinnenstab ist ein Symbol der Würde und Macht der Äbtissin von Saint-Armand in Rouen. Diese Abtei wurde von Mathilde, der Ehefrau Wilhelms „des Eroberers“, reich ausgestattet. Im 11. und 12. Jh. erwarb sie weitere Besitzungen - auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Verziert ist der Stab mit Pflanzenranken, die um eine Löwendarstellung wachsen. Letztere spielt auf die Rolle der Äbtissin als Hüterin an.
Rouen (1); Normandie (2); Chartres (3); England (4),
Chinon (5), 10. Jh.
Silber
Paris, Bibliothèque nationale de France,
Inv. 1968.1018.1134 (FEO-1133) (1);
Inv. 1968.1018.5700 (FEO-5699) (2);
Inv. 1968.1018.6536 (FEO-6535) (3);
Inv. 1968.1018.8459 (FEO-8458) (4);
Inv. 1968.1018.6476 (FEO-6475) (5)
Der Fund des sog. Schatz von Fécamp 1963 war eine große Sensation. Es wurden mehr als 8.500 Münzen des 10. Jahrhunderts entdeckt. Sie waren an 58 verschiedenen Orten geprägt worden. Der Fund ermöglichte es, ganz neue, allgemeine und umfassende Aussagen über die normannische Wirtschaft zu treffen. Der überwiegende Teil der Münzen (6.000 Exemplare) stammt aus der Münzstätte Rouen. Den Herrschern der Normandie gelang es also, eine eigene Währung zu etablieren und alte Münzen aus dem Umlauf zu nehmen.
England oder Normandie (?), Anfang 11. Jh.
Walrosselfenbein
Paris, Musée du Louvre, Inv. OA 11961
Das Reliquienkreuz aus Walrosselfenbein mit Christusdarstellung ist ein herausragendes Beispiel des Einflusses der angelsächsischen Kunst auf dem Kontinent. Es belegt zudem den regen kulturellen Austausch vor der normannischen Eroberung 1066. Gerade die Gestaltung der Haare und des Faltenwurfs des Gewands verweisen auf die „Schule von Winchester“. Ungewöhnlich für die Zeit ist das stark ausgeprägte Relief. Ob das Kreuz in der Normandie hergestellt oder aus England importiert und so dem Abteischatz in Fécamp zugeführt wurde, bleibt offen.
Fécamp, Anfang 13. Jh.
Kalkstein
Fécamp, Les Pêcheries, Musée de Fécamp,
Inv. FEC 6163.27 (ehemals: V6: 3545)
Dieses gotische Knospenkapitell wurde bei Grabungen (1974–1983) in Fécamp entdeckt und lange Zeit als Teil der Pfalz der Herzöge der Normandie betrachtet. Die stilistische Verwandtschaft des Kapitells mit der nach 1200 errichteten Westhälfte der Klosterkirche legen jedoch eine Datierung des Kapitells nach 1200 nahe. Damit bezeugt das Kapitell nicht nur die große politische Bedeutung Fécamps unter Richard I. und Richard II., sondern auch, dass sich das Kloster später zu einem vom Herrscher unabhängigen Zentrum entwickelte.
Fécamp, Abtei Sainte-Trinité, 26. März 1107
Blei
Fécamp, Les Pêcheries, Musée de Fécamp,
Inv. FEC 5009
Die sorgfältig gearbeitete Grabplatte ist dem dritten Abt von Sainte-Trinité in Fécamp zuzuordnen: Wilhelm von Ros (gest. 1107). Seine Karriere – Kantor und Erzdiakon in Bayeux, Mönch der Abbaye aux Hommes in Caen und Abt in Fécamp – belegt die Nähe zu den Herzögen der Normandie und den Königen von England. Er bezeugte zahlreiche Urkunden Wilhelms „des Eroberers“ und seiner Söhne Robert „Kurzhose“ und Wilhelm II. „Rufus“.
Die lateinische Inschrift lautet:
HIC JACET ⁝ ABBAS WILLELMUS ⁝ PRIMUM ECCLESIE
BAJOCENSIS CANTOR ET ARCHIDIACONUS ⁝ DEINDE CADOMI MONACHUS ⁝
AD EXTREMUM FISCANNENSIS CENOBII ABBAS TERCIUS ⁝ QUOD PER XXVII ⁝ ANNOS
ET DIMIDIUM OPTIME REXIT ⁝ ET ECCLESIAM ATQUE OFFICINAS
INTUS ET FORIS RENOVAVIT ⁝ VIR IN OMNIBUS BONI
TESTIMONII ⁝ HIC OBIIT ⁝ VII KALENDAS APRILIS M° ⁝ ET VII° ⁝ ANNO AB
INCARNATIONE DOMINI ⁝ SALVATORIS
Deutsche Übersetzung: „Hier ruht Abt Wilhelm, der zuerst Kantor und Erzdiakon der Kirche von Bayeux war, dann Mönch in Caen, schließlich dritter Abt des Klosters Fécamp, das er 27 1 Jahre lang hervorragend leitete und dessen Kirche und Gebäude er restaurierte. Er war ein Mann, der in allen Dingen vorbildlich war. Er starb an den 7. Kalenden des April [26. März] 1107 im Jahr der Fleischwerdung des Herrn und Erlösers.“
Abtei Sainte-Trinité von Fécamp, 30. Mai 1006
Pergament
Fécamp, Palais Bénédictine,
Inv. 3 R005 (Engel n° 1 bis)
Diese Urkunde ist in zweifacher Hinsicht außergewöhnlich: Sie zeigt die enge Verbindung Herzog Richards II. zu seiner erwählten Hauptstadt Fécamp und sie galt lange Zeit als älteste im Original erhaltene Herzogsurkunde. Zuletzt wurde allerdings vermutet, dass es sich doch um eine Abschrift von 1050–1080 handelt, bei der nachträglich eine Klausel hinzugefügt wurde. Der Kern des Inhalts änderte sich dadurch aber nicht: Richard II. vollendete den von seinem Vater begonnenen Bau des Klosters in Fécamp und stattete es reich aus. Sowohl Richard II. als auch sein Vater wurden in der Abteikirche bestattet.
Falls es sich wirklich um eine Fälschung handeln sollte, wie die zwei Forscher Benjamin Pohl und Steven Vanderputten annehmen, was könnte dann den Verfasser der Urkunde dazu bewogen haben, diese vorzudatieren und etwas hinzuzufügen? Möglicherweise war sie Teil eines heute verlorenen Dossiers mehrerer Fälschungen, bei dem es um einen Machtkampf zwischen den Mönchen und dem Bischof ging. Der Schreiber – wohl ein Mönch – fügte eine Klausel über die freie Abtswahl durch die Mönche in dem Kloster hinzu. Damit wollte er vielleicht jegliche Einmischung bei der Wahl von außen, wie z.B. durch den Bischof, verhindern.
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Abtei Jumièges, Mitte 11. Jh.
Walrosselfenbein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. R.90.96
Ein Tau- oder Antoniuskreuz ist ein Kreuz in T-Form. Der hier gezeigte Aufsatz eines Abtstabes – der Querbalken des T – hat keine kantigen, sondern abgerundete Enden. Auf der Vorderseite ist ein Abt mit Buch und Stab zu sehen, auf der Rückseite eine Sirene mit entblößter Brust. Zusammen symbolisieren beide Seiten Gut und Böse. Von Pflanzenranken eingerahmte fantastische Wesen flankieren die beiden Figuren. Künstlerisch lässt sich eindeutig der Einfluss der „Schule von Winchester“ erkennen.
Saint-Pierre de Jumièges, Anfang 9. Jh.
Stein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. D. 2004.2.2
Jumièges, Mitte 11. Jh.,
Kalkstein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. D.2004.2.3
Diese beiden Kapitelle repräsentieren ein Stück der Baugeschichte von Jumièges: Das Linke (1) stammt aus der Zeit vor dem Wikingerüberfall (24. Mai 841). Es weist sogar Brandspuren auf, die auf diesen zurückgehen. Das rechte Kapitell (2) entstand zur Zeit des prächtigen Neubaus der normannischen Kirche ab 1040. Beide sind mit Pflanzenornamentik verziert. Das Erste (1) lässt sich aufgrund seines antikisierenden Stils der Karolingerzeit zuordnen. Das Zweite (2) mit seinem Dekor, das den gesamten Kapitellkörper schmückt, ist hingegen typisch für die romanische Skulptur.
Abtei von Saint-Évroult, 1. Viertel 12. Jh.
Pergament
Rouen, Collections Bibliothèque municipale de
Rouen, ms. Y14, fol. 116r
Wilhelm von Jumièges benutzte für seine Normannengeschichte wie viele andere Autoren das Werk Dudos von Saint-Quentin. Unglaubwürdigere und erzählerische Passagen überarbeitete und kürzte er dabei oder ließ sie ganz weg. Seine eher nüchterne Erzählung ist als eine „Erfolgsgeschichte“ der Normannen angelegt. Im Zentrum steht Wilhelm „der Eroberer“. Dies spiegelt sich in der Initiale P des hier gezeigten Folios wider: Der Chronist übergibt dem König feierlich sein Werk. Die gezeigte Handschrift wurde von einem weiteren wichtigen Geschichtsschreiber des Mittelalters kopiert: Ordericus Vitalis.
Mont-Saint-Michel, 1191
+ HIC . REQUIESCIT . DOM . MARTIN . DE . FURME-
[N]DEIO . ABBAS . HUJ[US] . LOCI = Hier ruht Herr
Martin von Furmendi Abt dieses Ortes
Blei
Le-Mont-Saint-Michel, Abbaye du Mont-Saint-
Michel, Inv. MSM1875000105
Diese Scheibe stammt aus dem Grab Martins von Furmendi (gest. 1191). Dieser war zwischen 1186 und 1191 Abt des blühenden Mont-Saint-Michel. Die Scheibe wurde ursprünglich unter dem Kopf des Verstorbenen platziert und ihre Inschrift gibt Auskunft über die Identität des Toten. Im Zentrum der Scheibe ist eine Hand im Segensgestus über einem griechischen Kreuz dargestellt. Im unteren linken Feld ist ein Alpha und unten rechts ein Omega eingraviert, Symbole für Anfang und Ende.
Mont-Saint-Michel, 12. Jh.
Pergament
Avranches, Bibliothèque patrimoniale d’Avranches,
ms. 159, fol. 170v
Robert von Torigni (gest. 1189) war über drei Jahrzehnte Abt des Mont-Saint-Michel. In dieser Funktion war er in geistliche und weltliche Belange involviert und spielte eine wichtige politische Rolle. Er pflegte enge Kontakte nach Frankreich und England und verfasste eine Chronik. Sie deckt den Zeitraum von 1115–1186 ab. Hier gezeigt wird eine verzierte Initiale L: Sie zeigt den Mont-Saint-Michel und verweist auf das Recht der freien Abtwahl sowie die Unabhängigkeit gegenüber den Herzögen.
Bayeux wurde Ende des 9. Jahrhunderts von den Wikingern um Rollo zerstört und später wieder aufgebaut. Bayeux war ein bedeutender Bischofssitz und unter Richard I. oder Richard II. wurde eine normannische Burg in Bayeux errichtet. Der Geschichtsschreiber Dudo von St. Quentin berichtet außerdem, dass Richard I. von seinem Vater nach Bayeux geschickt wurde, um dort Dänisch zu lernen. Heute ist Bayeux vor allem für den
berühmten „Teppich von Bayeux“ bekannt und dessen wahrscheinlichen Auftraggeber, Bischof Odo. Odo war der Halbbruder Wilhelms „des Eroberers“ und nahm an der Schlacht von Hastings teil (1066). Später wurde er Earl von Kent und einer der reichsten Grundbesitzer Englands. In seiner Bischofsstadt weihte er 1077 den von ihm vorangetriebenen Neubau der Kathedrale, die später auch Aufbewahrungsort des Teppichs von Bayeux wurde.
Saint-Georges von Boscherville, 1157–1211
(um 1170?)
Kreidestein
Rouen, Musée des Antiquités, Inv. 139.38 (A)
Die Skulptur des Kapitelsaals der Abtei Saint-Georges in Boscherville repräsentiert die künstlerische Erneuerung unter Heinrich I. (gest. 1135). Das hier gezeigte Kapitell ist mit großflächigen Szenen aus der Kindheit Christi verziert. Einerseits lassen sich Einflüsse der späten westfränkischen romanischen Skulptur erkennen. Andererseits stehen die länglichen Figuren mit detailreichen Gewändern eindeutig in einer Tradition mit vergleichbaren englischen und nordfranzösischen Werken.
Abtei von Saint-Évroult, 12. Jh.
Getriebenes Silber
Sées, Musée départemental d’art religieux
Inv. 998.193.1.2
Das Reliquienkästchen präsentiert sich in traditioneller Form als Sarkophagschrein mit Satteldach und ist mit Silberelementen geschmückt. Das figürliche Dekor besteht aus einer thronenden Christusdarstellung (Majestas Dominis), dem Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen sowie Aposteln und Äbten. Stilistisch ist das Kästchen Ausdruck der Verflechtungen und des künstlerischen Austauschs zwischen dem anglonormannischen Raum und dem Rhein-Mosel-Gebiet zwischen dem 11. und beginnenden 13. Jahrhundert.
Caen, Abbaye aux Dames, Ende 11./Anfang 12. Jh.
Kalkstein
Caen, Musée de Normandie, Inv. DSAN.83.1218.2
Die von Mathilde von Flandern (gest. 1083) gestiftete Abtei Abbaye aux Dames in Caen gilt als Juwel romanischer Baukunst. Die Bauplastik ist reicher als die der nahezu zeitgleich errichteten Abbaye aux Hommes gestaltet. Ein herausragendes Beispiel ist das gezeigte Antefix-Kreuz. Es besticht durch eine Mischung aus Virtuosität und Einfachheit. Das Flechtwerk besteht aus einer endlosen Schlaufe, die sich perfekt proportioniert um ein Kreuz rankt.
Caen, Sainte-Paix, 2. H. 11. Jh.
Kalkstein
Caen, Musée de Normandie,
Inv. DSAN.83.1218.33 (1);
Inv. DSAN.83.1218.32 (2)
Die Gründung der Kirche Sainte-Paix („Heiliger Friede“) steht im Zusammenhang mit der Befriedung der Normandie (um 1050) durch Herzog Wilhelm „den Eroberer“. Eines der beiden Reliefs (1) stellt eine Verbindung zum göttlichen Frieden her: Zu sehen ist ein segnender Christus in der Pose eines Richters, der das göttliche Recht lehrt. Das andere Relief hingegen (2) zeigt einen Mann, der mit einer Axt gegen eine Bestie kämpft. Seine Bedeutung ist weniger eindeutig und vielleicht eher profaner Natur.
Wilhelm „der Eroberer“ (gest. 1087), der in Falaise geboren wurde, machte Caen zu seiner neuen Hauptstadt. Er baute diesen Ort zu einem Machtzentrum aus und ließ eine Burg errichten. Seine Frau Mathilde von Flandern (gest. 1083) und er stifteten außerdem beide eine eigene Abtei: Sainte-Trinité (Abbaye aux Dames) und Saint-Étienne (Abbaye aux Hommes). Damit zeigten sie ihre Frömmigkeiten und begütigten den Papst, der zuvor ihre Ehe aufgrund zu naher Verwandtschaft verboten hatte.
Motte von Rubercy (Calvados), 2. H. 12. Jh.
Eisen
Caen, Musée de Normandie,
Inv. D.87.1.36 (1); Inv. D.87.1.40 (2);
Inv. D.87.1.41 (3); Inv. D.87.1.42 (4)
Mittelalterliche Waffenfunde bestehen meist aus Pfeilspitzen und Armbrustbolzen. Diese wurden in größeren Mengen produziert und waren weniger wertvoll als schwere Waffen. Letztere wurden sorgfältiger verwahrt und oft wiederverwendet oder eingeschmolzen. Als ergiebige Fundstelle erwies sich die Motte von Rubercy. Die hier gezeigten Waffen wurden vielfältig genutzt: zur Bewachung, bei der Jagd, beim Zielschießen und bei anderen Spielen. Armbrustbolzen hatten
eine gedrungenere Form als Pfeilspitzen
und eine dicke quadratische Spitze.
Burg von Caen, 12./13. Jh.
Kalkstein
Caen, Musée de Normandie, Inv. D.98.3.1
Das Graffito stellt eine befestigte Holzburg mit Torturm auf einem steilen Hügel, eine sog. Motte, dar. Erreichbar ist diese über eine Brücke (rechts), links scheint ein Kran ein Holzteil anzuheben. Möglicherweise ist dies die Architektenzeichnung einer Baustelle. Jedenfalls liefert sie wichtige Informationen über den Bautyp der Motte, der sonst nur archäologisch und auf dem Teppich von Bayeux fassbar ist. Der Fundort in der „Salle à la Reine“ in Caen lässt vermuten, dass die dortige Burg dargestellt werden sollte.
Abbaye aux Hommes, Caen, Ende 11. Jh.
Kalkstein
Caen, Musée de Normandie, Inv. DSAN.83.1218.26
Die Abtei Abbaye aux Hommes wurde von Wilhelm „dem Eroberer“ gestiftet und zählt zu den Höhepunkten normannischer Baukunst. Ihre bauliche Ausstattung greift eine in der Normandie weit verbreitete Tradition der Bauplastik auf: die Ausschmückung der Gesimse und Kragsteine mit monströs gestalteten Figuren. Diese wechseln sich mit rein geometrischen Mustern ab. Den hier gezeigten Kragstein ziert ein solch groteskes Gesicht mit langer Nase und verzerrtem Mund.
Bereits Wilhelm „Langschwert“ (gest. 942), der Sohn Rollos, ließ in Fécamp eine Residenz erbauen und verlieh dem Ort so politische Bedeutung. Unter seinem Sohn Richard I. (gest. 996) wurde die 841 von Wikingern zerstörte Abtei Sainte-Trinité wiedererrichtet. Damit war Fécamp nicht nur ein politischer, sondern auch ein geistlicher Mittelpunkt. Die Abtei zog viele in- wie ausländische Gelehrte an und diente Richard und seinem Sohn als herzogliche Grablege. Richard II. (gest. 1026) stärkte Fécamp weiter: Er war für den Ausbau des Palastes und des Klosters verantwortlich. Fécamp war nach Rouen die zweite Hauptstadt der Normandie und nach der Eroberung Englands feierte der siegreiche Wilhelm dieses Ereignis nacheinander in Rouen, Fécam und in der dritten Hauptstadt: Caen.
Produktion: Ralph Gellwitzki Animation und Videodesign
Klöster hatten im Mittelalter nicht nur eine religiöse Funktion, so ndern waren auch wichtige Institutionen für die Gesellschaft, Politik und Herrschaft, Wirtschaft sowie Bildung und Wissenschaft. Die Normannen taten sich als Bauherren und wichtige Förderer und Förderinnen hervor. Erfahren Sie mehr über ausgewählte normannische Klöster: ihre Architektur, ihre Skriptorien, ihre Vernetzung und vieles mehr.