Die Wurzeln der Normannen

Als Normannen (Nortmanni ) wurden zunächst vor allem jene „Nordmänner“ bezeichnet, die seit dem 9. Jahrhundert als Krieger die Küstenregionen Europas
heimsuchten. Tatsächlich war dies aber nur eine Facette der wikingerzeitlichen Skandinavier. Sie waren hochmobile Händler, Seeleute, Bauern und Handwerker, die auch saisonale Raubzüge durchführten. Gerade diese kriegerische Expansion fand Niederschlag in den lateinischen Quellen. In Skandinavien entwickelte sich erst spät eine eigene Schriftkultur und auch die Christianisierung erfolgte spät. Es sind vor allem die materiellen Zeugnisse und Runeninschriften, die einen Einblick in die Kultur des wikingerzeitlichen Skandinaviens geben.

A 1.1

Windfahne

Norwegen, späte Wikingerzeit
Bronze
Oslo, Loan from Museum of Cultural History,
University of Oslo, Inv. C36648

An Schiffen angebrachte Windfahnen dienten zum Anzeigen der Windrichtung. Diese bronzene Fahne war hierfür jedoch zu schwer. Sie war daher wohl eher ein dekoratives Element, das das Schiff schmückte. Die szenische Darstellung zeigt David oder Samson, der ein Lamm von einem Löwen befreit. Die wertvolle Fahne wurde im Mittelalter vermutlich von einem Schiff abmontiert und auf der Spitze eines Kirchturms angebracht.

A 1.2.1

(1) Fragmentiertes Schwert

Haithabu, 10. Jh.
Eisen, Silber, Kupfer
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH1837-12.1

Das in drei Teile fragmentierte Schwert besitzt eine Klinge mit Hohlkehle und hatte ursprünglich einen mit aufwendiger Streifentauschierung dekorierten Griff. Es handelt sich um eine skandinavische Schwertform und hat vermutlich einst einem Angehörigen der lokalen Elite gehört.

A 1.2.2

(2) Breitaxt

Langeid, 1. H. 11. Jh.
Eisen, Holz, Bronze
Oslo, Loan from Museum of Cultural History,
University of Oslo, Inv. C58882/4

Die Axt ist eine bekannte Waffe der Wikinger, konnte darüber hinaus aber auch als landwirtschaftliches Werkzeug dienen. Bei frühmittelalterlichen skandinavischen Volksversammlungen mussten freie Männer Waffen tragen. In wikingerzeitlichen Gräbern ist die Axt der am häufigsten gefundene Waffentyp. Die Axt war also ein ständiger Begleiter.

A 1.2.3

(3) Rundschild

Agder, Mittelalter
Holz und Eisen
Oslo, Loan from Museum of Cultural History,
University of Oslo, Inv. C954

Der sehr gut erhaltene Schild ist aus Lindenholz gefertigt und mit einem metallenen Eisenkranz verstärkt. Auf dem Rand des Schildbuckels sind Runen eingeritzt worden, die den Hersteller und den Besitzer des Schilds nennen: „Gunnar hat mich gemacht, Helge besitzt mich”.

A 1.2.4

(4) Trinkhorn

Hedrum, Grabfund aus Gjønnes, Wikingerzeit
Bronze (original), Horn (modern)
Oslo, Loan from Museum of Cultural History,
University of Oslo, Inv. C20163f

Trinkhörner sind seltene Funde aus der Wikingerzeit und werden mit besonderen Ereignissen und Ritualen in Verbindung gebracht. Sie waren kein Alltagsgegenstand. Erwähnt werden sie auch in Sagas und in der nordischen Mythologie. Heutzutage sind in der Regel nur noch die Beschläge der Hörner erhalten. Trinkhörner wurden sowohl in Männerals auch Frauengräbern gefunden. Diese Verstorbenen gehörten vermutlich einst zur Oberschicht.

A 1.3.1

(1) Schildkrötenfibelpaar

Sandby, Öland, 1. H. 10. Jh.
Bronze, verzinnt und vergoldet, Silbertauschierung
Stockholm, National Historical Museums,
Swedish History Museum, Inv. SHM 550

Schildkröten- bzw. ovale Fibeln sind ein charakteristischer und für die Wikingerzeit einzigartiger Objekttyp. Paarweise getragen, fixierte man mit ihnen die Träger eines schürzenartigen Kleides, das ein Unterkleid bedeckte. Zwischen den Fibeln wurden Perlenketten befestigt. Die Verzierungen wurden im Laufe der Wikingerzeit immer aufwendiger. Diese Schildkrötenfibeln wurden im sog. Borre-Stil verziert.

A 1.3.2-3

(2-3) Silberscheibenfibeln

Südskandinavien, 1.–2. Drittel 10. Jh.
Silberguss (2); Silberpressblech (3)
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH1967-25.83 (2);
Inv. SH1959-14.198 8 (3)

Diese beiden Silberscheibenfibeln fallen durch ihre feine und hochwertige Fertigung auf. Beide wurden im sog. Terslevstil gestaltet. Während eine mit einem Dreipass- und Schlingenmuster verziert wurde, ziert die andere eine Schlingkreuzornamentik. Sie repräsentieren den hohen Grad des Metallhandwerks, das in Haithabu ausgeübt wurde.

A 1.3.4-5

(4-5) Anhänger in Form von Thorhämmern

Skandinavien, 9./10. Jh.
Silber, gegossen (4); Kupferlegierung, gegossen (5)
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH2003-205.472 (4);
Inv. SH2003-205.471 (5)

Der Hammer galt in Skandinavien als Attribut des Wetter- und Vegetationsgottes Thor und wurde in vielfältigen Ausführungen als Amulett genutzt. Funde von Thorhammer-Amuletten sind auch über Skandinavien hinaus belegt und weisen auf die hohe Mobilität der Nordmänner hin. Als Amulette wurden sie vermutlich als Fruchtbarkeitssymbole angesehen, sowie als Zeichen des Glaubens getragen.

A 1.3.6

(6) Walkürenfibel

Skandinavien, 9./10. Jh.
Kupferlegierung, gegossen
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH2015-160.18

Walküren sind weibliche Figuren der nordischen Mythologie, die auf Schlachtfeldern gefallene Krieger auswählen, um sie nach Walhalla zu führen: der Festhalle des Kriegsgottes Odins. Die Fibel zeigt eine mit einer Lanze auf einem Pferd sitzende Frau. Ihr gegenüber steht eine weitere Frau in einem langen Kleid, die einen Becher hält. Dabei handelt es sich um eine für Walküren typische Ikonografie.

A 1.3.7

(7) Kreuzanhänger

Haithabu, 10./11. Jh.
Silber
Schleswig, Museum für Archäologie Schloss
Gottorf, Inv. SH2003-205.47

Der anthropomorph gestaltete Kreuzanhänger mit großen Augen kommt hauptsächlich in Südskandinavien vor. Anhänger dieser Art waren jedoch auch in Südosteuropa weit verbreitet und hatten eventuell einen byzantinischen Ursprung. Damit weist das Objekt entweder auf die beginnende Christianisierung oder auf einen byzantinischen Einfluss in Haithabu hin.

Kirchenportal

Wikingerzeitliche Skandinavier waren geschickte Schnitzer und schufen wahre Kunstwerke aus Holz. Ein Beispiel ist dieses geschnitzte mittelalterliche Portal der Stabkirche Hylestad in Norwegen.