Mediterrane Verflechtungen

Familiäre Netzwerke spielten in der normannischen Herrschaftskonsolidierung auf allen Ebenen eine wichtige Rolle. Enge Verbindungen bestanden zwischen der Grafschaft von Barcelona bzw. später der Krone von Aragon und den Normannen in Süditalien. Eine Tochter des Normannen Robert Guiscard (gest. 1085) heiratete einen Grafen von Barcelona. Der gemeinsame Sohn unterhielt Beziehungen mit dem normannischen König von Sizilien; dessen Urenkelin Konstanze (gest. 1222) heiratete wiederum Friedrich II. (gest. 1250) und wurde Königin von Sizilien sowie Kaiserin des römisch-deutschen Reiches. Die Erinnerung an bedeutende gemeinsame Vorfahren spielten im fürstlichen Selbstverständnis eine große Rolle.

E 5.1.1

(1) Zwei Miniaturen aus dem "Liber Feudorum Maior"

Barcelona, Ende 12./Anfang 13. Jh.
Pergament
Barcelona, Arxiu de la Corona d’Aragó, núm. 1,
fol. I/480, fol. II/116

Das „Große Buch der Lehen“ (Liber Feudorum Maior) versammelte Abschriften von Urkunden der Grafen Barcelonas und Könige Aragóns vom Ende des 9. bis ins 13. Jh. Um 1800 wurde es schwer beschädigt und ging teilweise verloren. Heute sind noch 114 Blätter erhalten. Kürzlich wurden diese beiden stilistisch sowie zeitlich unterschiedlichen Miniaturen wiederentdeckt, die als Einbände von Archivregistern wiederverwendet worden waren. Zu sehen ist jeweils ein Gefolgsmann, der einem König huldigt (fol. 480) bzw. ihm einen Treueeid leistet (fol. 116).

E 5.1.2

(2) Vertrag zwischen Roger II. und Raimund Berengar III.

Palermo, 17. Januar bis 24. März 1128
Pergament
Barcelona, Arxiu de la Corona d’Aragó, pergs.
Ramon Berenguer III, carp. 32, núm 258a

Graf Raimund Berengar III. von Barcelona (gest. 1131) bat seinen Verwandten Roger II. von Sizilien um militärische Hilfe im Kampf gegen die Sarazenen auf der Iberischen Halbinsel. In diesem Abkommen versprach Roger, 50 Galeeren zu schicken. Neben logistischer Unterstützung sichert Raimund zu, eigene Krieger zu stellen und Roger die Hälfte aller eroberten Gebiete zu überlassen. Die Unternehmung, die zur Ausdehnung des normannischen Einflusses im Mittelmeerraum geführt hätte, kam allerdings nie zustande.

E 5.2

Kopfkissen aus dem Grab Raimund Berengars II.

Grab in der Kathedrale von Girona, um 1082
Leinen, Seide, Samt
Girona, Museu Tresor de la Catedral, Inv. TCG 170

Das Kopfkissen stammt aus dem Grab des ermordeten Grafen von Barcelona, Raimund Berengar II. Dieser war mit Mafalda, der Tochter des süditalienischen Normannen Robert Guiscard verheiratet. Das Kissen besteht aus einem einst mit Federn gefüllten Leinenstoff sowie einer Hülle aus Seide und Samt. Das Loch, welches von Verfärbungen umgeben ist, deutet auf Zersetzungsprozesse unmittelbar nach dem Tod hin. Dies erlaubt eine Datierung auf das 11. Jh.

E 5.3.1-2

Löwenkopf (1) und Baldachinbasis aus Ripoll (2)

Klosterkirche Santa Maria de Ripoll,
2. Drittel 12. Jh.
Kalkstein
Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya,
Inv. MNAC 202505-000 (1);
Inv. MNAC 214983-000 (2)

Der Löwenkopf und die sitzende Männerfigur gehörten ursprünglich zusammen und waren einst Teil des Baldachins vom Hochaltar des Klosters von Ripoll. Dargestellt ist die biblische Geschichte von Daniel in der Löwengrube, die die Erlösung und den Sieg über das Böse repräsentiert. Beides entstand wohl zwischen 1146–1151, einer Zeit großer baulicher und künstlerischer Aktivität am Kloster. Sie ist Zeichen der Blüte in der Grafschaft Barcelonas unter Raimund Berengar IV. (gest. 1162).

E 5.4

Altartafel mit Darstellung der Gargano-Legende

Katalonien, 2. Viertel 13. Jh.
Meister von Sant Pau de Casserres
Tempera, Stuckrelief und Reste einer lackierten
Metallplatte auf Holz
Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya,
Inv. MNAC 003913

Die bildgewaltige Altartafel ist geprägt von dem Michaelskult, der im 11. Jh. in Katalonien äußerst beliebt war. In den beiden grünen Feldern sind der Drachenkampf des Erzengels und seine Rolle beim Jüngsten Gericht, dem Wiegen der Seelen, zu sehen. Unten rechts wird die Gründungslegende des süditalienischen Monte Sant’Angelo dargestellt, einem der ältesten Pilgerorte Europas. Dieser Ort und die Verehrung des Hl. Michaels führten zahlreiche Normannen auch nach Süditalien, der nächsten Station unserer Reise.