Der Weg zum Königtum: Roger II. und der sizilische Synkretismus

Die Herrschaft Rogers II. stellt einen Höhepunkt der normannischen Geschichte in Italien dar. Der weltoffene und machtbewusste Herrscher erreichte 1130 die Erhebung des Reiches in den Rang eines Königtums. Auch kulturell stellte seine Herrschaft eine Blütezeit dar: In Palermo versammelten sich Gelehrte, Künstler und Funktionäre aus verschiedenen Kulturkreisen. In der herrschaftlichen Architektur spiegelte sich die Multikulturalität des Reiches. Ebenso in der künstlerischen Produktion, in der sich Formen und Techniken aus der byzantinischen, muslimischen und lateinischen Welt verbanden. In Kanzlei und Verwaltung herrschte Mehrsprachigkeit, und Literatur und Wissenschaft aus Orient und Okzident wurden rezipiert. Palermo war nicht nur ein zentraler Umschlagplatz von Waren, sondern auch von Kunst, Literatur und Wissenschaften aus dem gesamten Mittelmeerraum.

F 6.1

Votivkrone Rogers II.

Süditalien, 12. Jh.
Kupfer, Champlevé-Emaille, Edelsteine, Fassungen
Bari, Museo Nicolaiano – Accademia Cittadella
Nicolaiana

Auch wenn diese Krone auch „Krone Rogers“ genannt wird, handelt es sich nicht um seine Königskrone, sondern um eine Votivkrone. Solche Kronen wurden in liturgischen Kontexten verwendet. Dennoch verweist das Stück auf das Königtum Rogers. Dieser war 1130 in Palermo gekrönt worden und hatte nach dem Erlöschen der männlichen Linie Robert Guiscards auch Festlanditalien für sich beansprucht. Bari mit der Nikolausbasilika, aus der diese Krone stammt, war ein wichtiges geistliches und weltliches Zentrum dieser Region.

F 6.2

Emailleplakette mit Krönungsszene

Süditalien, 2. Viertel 12. Jh.
Kupfer, Emaille
Bari, Museo Nicolaiano – Accademia Cittadella
Nicolaiana

Die Plakette zeigt eine Krönungsszene und war einst am Ziborium (Altarbaldachin) der Nikolasusbasilika angebracht. Der Hl. Nikolaus krönt Roger II. und legitimiert somit dessen Königtum. Gleichzeitig werden dadurch Herrschaftsansprüche gegenüber Bari geltend gemacht. Künstlerisch verbindet die mit kostbarem Emaille gearbeitete Plakette östliche und westliche Traditionen. Roger ist im Stile eines byzantinischen Herrschers und mit dessen Insignien dargestellt. Nikolaus trägt Gewänder, die in der Ostkirche Verwendung fanden, aber einen Bischofsstab westlicher Prägung.

F 6.3

Urkunde mit Zugeständnissen Rogers II. an Bari

Bari, 22. Juni 1132 (Kopie: um 1150)
Pergament
Bari, Archivio della Basilica di S. Nicola, Inv. E 14

Der Herrschaftsanspruch Rogers auf die Festlandgebiete führte zu mehreren Aufständen, u.a. in Bari. Mit den sog. „patti giurati“ wurde der Streit beigelegt und ein Pakt zwischen Stadt und dem König beschworen: Die Reliquien des Hl. Nikolaus sollten niemals aus Bari entfernt werden, der Basilika wurden besondere Rechte eingeräumt. Roger versprach Gesetze und Gewohnheiten der Stadt zu achten, die Einwohner von Geldsammlungen und Diensten zu verschonen und keine Festung in Bari zu errichten.

F 6.4

Fragment der Stola Rogers II.

Palermo, 1130–1154
Seide, vergoldete Silberfäden
Mailand, Civiche Raccolte d’Arte Applicata
ed Incisioni del Castello Sforzesco, Inv. T2132

F 6.4

Fragment der Dalmatika Rogers II.

Palermo, 1130–1154
Seidensatin
Mailand, Civiche Raccolte d’Arte Applicata
ed Incisioni del Castello Sforzesco, Inv. T 2127

Die königlichen Werkstätten in Palermo (nobiles officinae) waren weit über Siziliens Grenzen hinaus für ihre Kunstfertigkeit bekannt. Bei den hier ausgestellten Fragmenten handelt es sich um zwei der fünf verbliebenen Reste des königlichen Gewandes Rogers II. Nach seinem Tod wurden sie der Kathedrale von Cefalù übergeben. Dort waren sie Gegenstand der Volksverehrung und zahlreiche Stofffragmente wurden von Besuchern abgetrennt und mitgenommen. Dadurch sind heute nur noch fragmentierte Stoffreste der kostbaren Textilien erhalten.

F 6.5

Stiftungsprivileg Rogers II. für die Cappella Palatina

Palermo, 28. April 1140
Pergament, Purpur eingefärbt, Goldtinte
Provenienz: Palermo, Tesoro della Cappella
Palatina, inv. 345
Rom, Patrimonio del Fondo Edifi ci di Culto,
amministrato dal Ministero dell’Interno –
Dipartimento per le Libertà Civili e l’Immigrazione –
Direzione Centrale degli Affari dei Culti e per
l’Amministrazione del FEC

Die Cappella Palatina in Palermo gilt als das größte Meisterwerk der normannischen Kunst und Architektur auf Sizilien. Mit diesem lateinischen Dokument stiftete Roger II. diesen prachtvollen Bau. Am Ende erkennt man die Signatur von 23 Zeugen sowie die Rota, das Zeichen des Königs und seines gleichnamigen Sohnes. Die Verwendung von kostbarer Goldtinte auf purpurfarbenem Pergament stellt eine Imitation byzantinischer Kaiserurkunden dar.

F 6.6

Fragmente zum Lob König Rogers II.

Messina, Palast Rogers II., 1130–1154
Marmor, Porphyr, Krokeischer Stein
Messina, Museo Regionale Interdisciplinare,
Inv. N. 268/m (1), Inv. N. 268/l (2)

Mit Ruhm, erneutem Glück und Glückseligkeit in einem günstigen Aszendenten / Die Sterne der Exzellenz sind von den Horizonten jenes hohen Palastes aufgestiegen. (1) / Oh ihr Vertrauten des Königreichs, tretet hier ein, denn es ist das Haus der Ewigkeit, [das Paradies] / Der Wohnsitz des ersten unter den Königen, Roger, des standhaften Königs. (2)

Diese zwei Fragmente sind Teil einer Serie von 12 Inschriften mit arabischen Versen, die einst den Palast König Rogers in Messina zierten. Sie fordern Rogers Vertraute auf, den Palast zu betreten. Sowohl ihre Form als auch ihr literarischer Inhalt weisen darauf hin, dass die Verse einen oder mehrere Eingänge zum Palast einrahmten (Rekonstruktion: J. Johns).

F 6.7

Bemalte Deckenplatte aus Cefalù

Cefalù, Kathedrale, 1130–1140
Holz, mehrfarbig gefasst
Palermo, Galleria regionale della Sicilia di Palazzo
Abatellis, Inv. 1189

1031 ließ Roger II. den Bau der Kathedrale von Cefalù beginnen, die er zu seiner Grablege bestimmte. Wie in der Cappella Palatina in Palermo wurden dabei verschiedene Stile verwendet. Die Ausstattung umfasste byzantinische Mosaike und eine verzierte hölzerne Decke, die ihre Vorbilder in der arabischen Architektur hatte. Das gezeigte Stück ist eines der wenigen Reste der heute nicht mehr erhaltenen ursprünglichen Deckenkonstruktion, die farbig bemalt war. Das Fragment zeigt eine menschliche Figur mit weit geöffneten Augen.

Film: Palermo und die Cappella Palatina

Produktion: Faber Courtial 2010
Länge: 04.50 min

F 6.8

Madonna "Haghiosorìtissa" oder „der Fürsprache“

Sizilisch-byzantinischer Mosaizist
Palermo, Kathedrale, 12. Jh.
Marmor, Glas, Stein, Blattgold
Palermo, Congregazione S. Eligio –
Museo Diocesano di Palermo, Inv. 1

Es ist unbekannt, ob die Figur ursprünglich eine Halbfigur war und ob sie alleine stand oder Teil einer verlorenen Deesis (Dreifigurengruppe mit Christus, Maria und Johannes dem Täufer) war. Das Mosaik könnte aus dem früheren Bau der Kathedrale (vor 1185) stammen und zur Kapelle der Maddalena gehören. Diese wurde von König Rogers zweiter Frau Elvira von Kastilien gestiftet und war mit kostbaren Marmorarbeiten und Mosaikikonen ausgeschmückt.

F 6.9

Karte Siziliens aus dem sog. „Book of Curiosities“

Ägypten, ca. 1020–1050; hier: früheste,
unvollständig erhaltene Kopie des 13. Jh.
Pergament
Oxford, The Bodleian Libraries, University of Oxford,
MS. Arab. c. 90, fol. 32b–33a

Die hier gezeigte Karte ist ein hervorragendes Beispiel islamischer Kartografie. Aufgrund der Fülle an Details ist sie eine der wertvollsten Quellen zur Geografie Siziliens im 11. Jahrhundert. Der Fokus liegt auf Palermo. Mittig in Kreisform sind die alten Stadtmauern zu sehen. Im Zentrum und darum herum gruppiert sind die Namen von Toren und Vierteln, Wasserquellen und Landmarken zu lesen. Außerhalb Palermos lassen sich weitere Städte erkennen, außerdem Flüsse und Berge sowie die wichtigsten Straßen.

F 6.10

Das sog. „Buch Rogers“ (Tabula Rogeriana)

al-Idrisi
Palermo, mittleres 12. Jh., hier: Kopie des 14.
oder 15. Jh.
Papier
Oxford, The Bodleian Libraries, University of Oxford,
MS. Greaves 42, fol. 1b–2a

Die hier gezeigte Weltkarte basiert auf dem Werk des arabischen Geografen al-Idrisi, das am Hof Rogers II. entstand. Seine Zusammenstellung beruht auf eigener Anschauung – er hatte selbst die Iberische Halbinsel, Nordafrika, den Nahen Osten und die Südküste Frankreichs bereist - oder auf mündlichen Berichten. In Palermo lernte er über Kontakte am Königshof Neues über ihm unbekanntere Regionen.

F 6.11

Jüdisch-arabischer Vertrag

Syrakus, August 1187
Pergament
Palermo, Archivio di Stato, Tabulario della Mensa
vescovile di Cefalù, perg. 25

Dieser Vertrag ist das älteste hebräische Dokument, das sich in Sizilien erhalten hat. Im Text wendet sich die jüdische Gemeinde von Syrakus an den Regularkanoniker Blasius mit der Bitte um ein Streifen Land zur Erweiterung des eigenen Friedhofs. Der Text der Urkunde ist in Judäo-Arabisch verfasst, d.h. in mittelarabischer Sprache unter Verwendung hebräischer Schriftzeichen. Dies war die Gemeinschaftssprache der Juden im mittelalterlichen Sizilien.

F 6.12

Harley Trilingual Psalter in griechischer, arabischer und lateinischer Sprache

Palermo, 1130–1153
Pergament
London, The British Library, Harley MS 5786,
fol. 106v

Ein außergewöhnliches Zeugnis der Vielsprachigkeit, die auf Sizilien herrschte, ist der hier ausgestellte Psalter (aufgeschlagen ist der Beginn von Psalm 80). Der Text ist in drei Spalten geschrieben: die linke in griechischer, die mittlere in lateinischer und die rechte in arabischer Sprache. Keine der Sprachen dominiert das Schriftbild. Ein genaues Studium der Handschrift und der Marginalien (Randbemerkungen) führt zu dem Schluss, dass sie von einem arabischsprachigen Christen genutzt und mit Anmerkungen versehen wurde.

F 6.13

"Expositio Orationis Dominicae" des Maio von Bari

Palermo/Monreale, 1154–1160
Pergament
Paris, Bibliothèque nationale de France, NAL 1772,
fol. 2v

Bei diesem Codex handelt es sich um ein Werk aus der Feder Maios von Bari. Der Großadmiral des Königs von Sizilien ließ ihn für seinen Sohn, den Admiral Stephan, anfertigen. Die Handschrift ist luxuriös ausgestattet und mit Goldtinte geschrieben. Sie steht am Beginn einer prächtigen sizilianischen Buchproduktion.

F 6.15.1

(1) Kästchen mit pyramidenstumpfförmigem Deckel

Ägypten (?), 12. Jh.
Elfenbein, Metallrahmen aus Bronze (?), vergoldet
Vatikanstadt, Musei Vaticani, Inv. 61902

F 6.15.2

(2) Dokument in "naskhī"-Schrift

Sizilien/Fatimidisches Ägypten, 1089–1121
Papier, Tinte
Vatikanstadt, Musei Vaticani, Inv. MV_62427_0_0

Kästchen dieser Art aus normannischen oder arabischen Werkstätten sind heute in Museen auf der ganzen Welt zu finden. Diese Stücke waren für die höheren Gesellschaftsschichten bestimmt. Sie wurden oft exportiert und als Geschenke an wichtige Persönlichkeiten überreicht. Auf diesem Kästchen verschmelzen sassanidische, byzantinische und islamische Einflüsse. Das Kästchen war früher stärker verziert, als dies heute noch sichtbar ist. Pflanzliche und geometrische Elemente unterschiedlicher Art (in Schwarz oder Gold) schmückten die Oberflächen. Das Innere des Kästchens ist mit einem hellen Stoff ausgekleidet, der auf Papierfragmente genäht war, die als Stütze dienten. Besonders der Deckel enthielt zwei große Fragmente von Papierdokumenten mit arabischen Texten in naskhī- Schrift. Man unterscheidet sie an der Feinheit der Schriftart. In beiden Fällen handelt es sich um Rechtsakte, welche Eigentumsübertragungen von „Sultansland“ betreffen.

F 6.16.1-2

(1) Textilfragment mit geometrischen Motiven

Sizilien, 12. Jh.
Seidenlampas, Goldfäden
Mailand, Civiche Raccolte d’Arte Applicata ed
Incisioni del Castello Sforzesco, Inv. T 2117

F 6.16.2

(2) Drei Fragmente mit stilisierten pflanzlichen Motiven

Sizilien (?), 12.–13. Jh.
Seide, Goldfaden
Mailand, Civiche Raccolte d’Arte Applicata
ed Incisioni del Castello Sforzesco,
Inv. T 2222, 2263, 2235

Das erste Stück (1) weist eine Reihe dekorativer Motive auf, die zum Repertoire verschiedener Künstler der normannischen Werkstätten gehörten. Darunter sind achteckige Sterne, Rotae, d.h. Kreise und Transenna-Muster. Diese finden sich auch in der Cappella Palatina und nicht nur auf Textilien, sondern verschiedensten Materialien, wie z.B. Holz, Malerei, Mosaike und Marmor. Das zweite Fragment (2) zeigt ein dichtes Geflecht stilisierter Pflanzenmotive, begleitet von Tierdarstellungen und einer reich gegliederten Komposition. Aus technischer Sicht ist der Rückgriff auf die raffinierte Technik der Brettchenweberei bemerkenswert. Diese Technik wurde für zahlreiche Borten liturgischer Gewänder verwendet, die in normannisch- staufischer Zeit in den königlichen Werkstätten gefertigt wurden.

F 6.14

Taufbecken Gandoulphos

Messina, Basilika des Santissimo Salvatore,
1134/1135
Marmor, Metalleinlage
Messina, Museo Regionale Interdisciplinare,
Inv. A 290

Das Taufbecken wurde aus einem einzigen Stück weiß-geäderten Marmors gefertigt. Als Werk eines Bildhauers, dessen Name eine nordische Herkunft vermuten lässt (Gandoulphos), steht es symbolisch für die künstlerische und kulturelle Anpassungsfähigkeit der Normannen. Während die Menschenköpfe einen nordeuropäischen Einfluss erkennen lassen, sind die pflanzlichen Elemente der griechischen Tradition zuzuschreiben. Die griechische Inschrift verweist auf die Mäzenatenrolle, die hohe Geistliche (Archimandriten) oft übernahmen.