Anglo-skandinavische und normannische Verbindungen vor 1066

Skandinavische Einflüsse spielten für weite Teile Englands eine wichtige Rolle und beeinflussten die Entstehung einer anglo-skandinavischen Kultur. Über die skandinavisch beherrschten Gebiete fand ein Austausch statt. Dieser verstärkte sich infolge der Invasion des Dänenkönigs in England (1013). Der skandinavische Stil mit charakteristischen Formen oder Verzierungselementen findet sich heute vor allem in archäologischen Zeugnissen. Die Objekte belegen transkulturelle Verflechtungen, die eine neuartige, hybride Kultur hervorbrachten. Skandinavische Elemente verschmolzen mit lokalen Traditionen. Handwerker und Künstler imitierten und adaptierten skandinavisches Kunsthandwerk und Techniken. Nicht immer sind lokale von eingeführten Produkten zu unterscheiden.

D 1.2.1

(1) Anhänger in Form einer Walküre

Wickham Market, Suffolk, 878
Silber
On loan from Colchester and Ipswich Museum Service,
Inv. IPSMG: R.2003.12

Walküren sind weibliche Figuren aus der nordischen Mythologie. Sie werden auch mit der Tradition von Frauen als Kriegerinnen in Verbindung gebracht. Einiges deutet darauf hin, dass auch Frauen im wikingerzeitlichen Skandinavien kämpften. Der Fund der Fibel in York bezeugt die skandinavischen Einflüsse, die in der Wikingerzeit auf England und insbesondere York wirkten.

D 1.2.2

(2) Goldring

Manningtree, Essex, 9.–10. Jh.
Gold
On loan from Colchester and Ipswich Museum Service,
Inv. COLEM:2019.28

D 1.2.3

(3) Goldener Fingerring

Weeley, Essex, 900-1100
Gold
On loan from Colchester and Ipswich Museum Service,
Inv. COLEM:2019.39


Die beiden goldenen Fingerringe wurden in skandinavischer Handwerkstradition gefertigt. Während der eine Ring (2) eine rautenförmige Ringplatte mit Punzenverzierung besitzt, die an Sanduhren erinnert, wurde der andere (3) aus zwei miteinander verflochtenen Golddrähten hergestellt. Goldene Ringe dieser Art waren typisch für den Wikingerschmuck und wurden in zahlreichen Gräbern und Horten Skandinaviens gefunden. Die in England gefundenen Ringe belegen, dass sich dort Skandinavier ansiedelten.

D 1.2.4

(4) Riemenzunge

York, 850–950
Kupferlegierung
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : 1973.24

Riemenzungen waren als dekoratives Element und zur Beschwerung an Enden von Gürteln angebracht. Dieses Exemplar beeindruckt durch seine raffinierten Verzierungen im skandinavischen Borre-Tierstil und seinem Kupferglanz.

D 1.2.5

(5) Schwertortband

York, 866–1000
Kupferlegierung
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : 1947.551.49

Das sog. Schwertortband befand sich am Ende der Scheide einer Stichwaffe. Diese bestand in der Regel aus organischem Material wie Leder oder Holz. Das Schwertortband verhinderte, dass die Waffenspitze nicht die Scheide durchdrang und schützte damit auch seinen Träger vor Verletzungen. Dieses aufwendig gestaltete Schwertortband wurde im Jelling-Tierstil verziert.

D 1.2.6

(6) Armreif

Bossall/Flaxton Hoards, 920–930
Silber
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : 1948.700

Der mit punzierten Verzierungen versehene Armreif war ursprünglich Bestandteil eines größeren Horts mit Münzen, der jedoch größtenteils eingeschmolzen wurde. Silberschmuck war sehr beliebt bei den skandinavischen Siedlern Yorks. Dieser Armreif war nicht nur ein Schmuckstück, sondern gehörte möglicherweise auch einer Person, die dadurch ihren Wohlstand demonstrierte.

D 1.2.7

(7) Anhänger in Form eines Ankers

Coppergate, York, 866–1100
Blei
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : 1980.7.7606

Dieser Anhänger in Form eines Ankers diente vermutlich als Amulett. Er erinnert an die Thor-Anhänger aus Skandinavien. Möglicherweise hatte der Besitzer oder die Besitzerin Verbindungen zur Schifffahrt. Diese spielte im Leben der Skandinavier eine wichtige Rolle.

D 1.3.1-4

(1) Holzlöffel mit dekoriertem Griff; (2) Messer; (3) Kamm und Kammbehältnis; (4) Lederstiefel

York, 866–1100 (1–4)
Holz (1); Eisen, Knochen (2); Hirschgeweih (3);
Leder, Knochen (4)
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : C629 (1); Inv. YORYM: 1948.620 (2);
Inv. YORYM : 1977.7.1065.a–b (3); Inv. YORYM :
1977.7.4422 (4)

Diese Gegenstände des täglichen Gebrauchs zeigen, dass York ein vielfältiges Produktionszentrum für Alltagsgegenstände war. Dabei weisen sowohl der Holzlöffel als auch das Messer, der Kamm und das Kammbehältnis Verzierungen auf: Der Griff des Holzlöffels (1) wurde mit einem Flechtwerk versehen, das Messer (2) besitzt ein lediglich grob geformtes Punkte- und Kreisdekor. Der Kamm und sein Schutzbehältnis (3) wurden hingegen aufwändiger produziert. Der verzierte Kamm verweist auf den hohen Stellenwert, den Körperpflege unter den Bewohnern Yorks hatte. Der Lederschuh (4) wurde mithilfe der Wendeschuh-Technik produziert. Die Handwerker schnitten das Leder der entsprechenden Form nach zu, formten und nähten den Schuh von innen nach außen zusammen und drehten ihn dann herum, sodass die Nähte innen lagen.

D 1.3.5

(5) Plättchen mit Gesicht

York, 866–1000
Knochen
York, York Museums Trust (Yorkshire Museum),
Inv. YORYM : 1948.626

Dieses Plättchen mit der Darstellung eines Kopfs ist ein außergewöhnlicher Fund: möglicherweise stellt es einen Bewohner im anglo-skandinavischen York dar. Das Plättchen konnte durch die Löcher der Augen und auf Höhe der Nase auf einem unbekannten Material befestigt werden.